Interview

mit Thorsten Brinkmann

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Thorsten Brinkmann

Thorsten Brinkmann
La Hütte Royal, 2013 (Special Edition)

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ISBN 978-3-7757-3757-9
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Thorsten Brinkmann

Thorsten Brinkmann

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-2205-6
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»So vermischt sich Dagewesenes mit Hinzugefügtem zu etwas Neuem.« Der Künstler Thorsten Brinkmann in einem Interview mit Caroline Schilling (Int. Presse, Hatje Cantz) über seine Hausinstallation La Hütte Royal und die wilde Lust am Kombinieren von Dingen, die nicht zusammengehören.

La Hütte Royal ist die größte Installation, an der Sie bislang gearbeitet haben und gleichzeitig eine Transformation, die mit den Größen Zeit, Raum und Realität spielerisch und manchmal bizarr jongliert. Wie entstand dieses Gesamtkunstwerk zwischen 2011 und 2013?

Mein Sammler Evan Mirapaul fragte mich Mitte 2011, ob ich an der Realisierung einer Hausinstallation interessiert sei. Er habe nun schon einige Arbeiten von mir und würde ihnen gerne ein angemessenes Zuhause geben. Da in Pittsburgh der Immobilienmarkt völlig eingebrochen war, gab es die Möglichkeit, ungeheuer günstig Häuser zu kaufen und diese auch Künstlern zur Verfügung zu stellen. Ich habe mir sein Angebot angehört und gleich signalisiert, dass ich sehr daran interessiert wäre. Zwei Monate später rief er mich an, um mir mitzuteilen, dass er nun ein Haus für mich erworben hätte, und wenn ich möchte, könne ich es mir anschauen. Das was im Oktober 2011. Ich selbst sah das Haus dann zum ersten Mal im November 2011. Im Haus waren noch alle Dinge der Vorbesitzer, die hatten sich in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Staub gemacht und alles zurückgelassen. Das Haus war substanziell in einem recht guten Zustand, trotzdem war der erste Eindruck extrem, da es zwei bis drei Jahre lang noch von irgendwelchen Unbekannten besetzt wurde und dadurch völlig vermüllt war. Da ich die komplette Geschichte des Hauses nicht einfach wegradieren wollte, habe ich alles aufgehoben, was noch verwendbar war und es im Garten deponiert. Es folgten zwei weitere Besuche, jeweils ein paar Tage im Frühjahr 2012, um zu schauen, was mir für das Haus einfällt beziehungsweise um zu beraten, was an dem Haus vorbereitet werden kann oder muss, damit ich loslegen kann. Konkret am Haus angefangen zu arbeiten habe ich das erste Mal im September 2012. Da ich weiterhin noch an anderen Ausstellungen arbeitete, gab es immer wieder auch Pausen. Aber im September ging es dann richtig los, dann wieder im Oktober und schließlich im Dezember. Jeweils für ein paar Wochen, meistens zwei bis drei Wochen. Wegen eines Visums gab es dann wieder eine längere Pause bis April 2013, ab diesem Zeitpunkt bis Oktober war ich eigentlich nur noch am Pendeln zwischen Hamburg und Pittsburgh, da das Haus im Oktober zur Carnegie International fertig sein sollte.

Von Anfang an wollte ich das Haus anders behandeln wie eine Museumsshow. Denn dort muss man in der Regel alles sehr genau vorab planen, da meistens nicht soviel Zeit für den Aufbau da ist und alles rechtzeitig verschickt werden muss. Ich wollte, dass sich die Arbeit vor Ort entwickelt und nicht schon alles im Voraus geplant ist. Ich habe mir dort bewusst Zeit gelassen, dass sich ein Raum nach dem anderen prozesshaft entwickelt und ins Ganze einfügt. Ich hatte kein Interesse daran, mir eine Art »cleanes« Brinkmann-Museum zu bauen. Mich hat mehr interessiert, was in dem Haus passiert, wenn ich dort viel Zeit verbringe, was für Räume sich eventuell aus den Dingen entwickeln, die ich vorgefunden habe. Es gibt im Haus beispielsweise nur drei Räume, die ich so ähnlich schon einmal vorher gebaut habe, alle anderen zwölf haben sich erst vor Ort beim Arbeiten herausgeschält. Dabei bin ich sehr spielerisch vorgegangen und habe auch immer an mehreren Räumen gleichzeitig gearbeitet. Es gibt ja zum Beispiel im Erdgeschoss die »Record Rooms«. Da ich im Haus etliche Platten gefunden habe und einer der vorherigen Bewohner DJ war, habe ich das einfach mit einfließen lassen. Ich wollte dort einen Teil der Geschichte wieder aufleben lassen, ohne aber eine Historienausstellung zu machen. Auch die Ventilatoren an den Plattensäulen sind aus dem Haus, sie funktionierten noch alle. So wuchs die Idee, diese mit den Platten zusammen in den ersten beiden Räumen zu verarbeiten. Es sollten natürlich dann auch Platten abgespielt werden, aber ein bestimmtes Lied sollte es auch nicht sein, da konkrete Musik gleich am Anfang zu viel vorgegeben hätte. So laufen dort nun vier Plattenspieler, alle am Ende der Platte, und verbreiten einen Geräuschteppich, der sich ständig wandelt, da es doch kleine Geschwindigkeitsunterschiede gibt. Einer hört sich auch an, als ob er schwer und tief atmen würde, es klingt beinahe so, als ob das Haus atmen würde. So hat sich fast jeder Raum prozesshaft entwickelt. Auch die Flure oder die Eingangssituation.
Eines Tages sah ich bei einem Altteilehändler eine riesige Holzglocke stehen, ich war sofort von diesem Objekt angezogen, und nach ein paar Telefonaten wegen der Größen der Fenster im Haus, denn durch die Tür ging es auf gar keinen Fall, war klar: das Ding muss mit. Nun hängt sie gleich im Eingangsbereich. So was kann ich nicht planen, ich weiß, solchen »Findlingen« begegnet man nur mit einer gewissen Zeit. Und je länger ich mich nun in Pittsburgh aufhielt, umso mehr außergewöhnliche Funde gab es. Letztlich heißt es, dass dieses Haus gewachsen ist und sich über einen Zeitraum von zwei Jahren Stück für Stück entwickelt hat. Es gab auch keine konkreten Zeichnungen, nur ein paar sehr lose Ideensammlungen, bei denen klar war, dass diese nur Anhaltspunkte sind. Es existiert ja auch ein Bereich, in den man hineinkriechen kann, der einen unter Umständen an Alice im Wunderland erinnern kann. Es sind fünf Räume in einem, auch die gesamte Architektur ist vor Ort Schritt für Schritt gewachsen, ohne vorher etwas festzulegen. Außer dass man zum Kamin hineinklettert, um dann einen Stock weiter oben irgendwann im Kino herauszukommen. Auf dem Weg dorthin steigt, krabbelt und klettert man durch fünf versteckte Räume und je weiter man sich hineinbegibt, umso mehr ist man von der Außenwelt isoliert, da man keinen Blick nach draußen hat. Es gibt auch einen Golfraum, auch dieser kam zustande, da ich eine komplette, uralte Golfausrüstung im Haus gefunden habe. Dazu habe ich dann eine Tapete entworfen, Rasen verlegt, ein Basketballkorb dient als Golfloch und eine alte LKW-Radschutzkappe ist die Rampe geworden. So vermischt sich Dagewesenes mit Hinzugefügtem zu etwas Neuem. Durch die vorgefundenen alten Dinge entsteht eben auch ein Zeitsprung in die Zeit, aus denen die Dinge stammen. Es gibt auch Räume, bei denen ich nur eine Kleinigkeit hinzugefügt habe oder bei denen ich nur Licht neu gesetzt habe, das sind also vorgefundene Orte, die sich mit den anderen Inszenierungen mischen. Nun weiß man aber nicht, ob diese auch inszeniert sind und so vermischt sich die Inszenierung mit der »Hausrealität«. Ich habe auch ganz bewusst architektonische Elemente unbehandelt gelassen, die Treppen zum Beispiel, den Boden oder die Türrahmen, um eine Verbindung zur gelebten Geschichte des Hauses herzustellen, die Grenze von Realität und Inszenierung aufzuweichen und verschiedene Zeitebenen nebeneinander existieren zu lassen.

 

Ausstellungen werden ja meist von einem Katalog begleitet und damit auch dokumentiert. Sie haben sich für etwas Besonderes entschieden und 222 Unikate geschaffen. Genau genommen ist Ihr außergewöhnliches Künstlerbuch eine Schallplatte mit Booklet. Wie entstand die Idee?

Tatsächlich soll es ja auch noch ein umfangreiches Buch über das Haus geben. Aber da dies zur Eröffnung unmöglich zu realisieren war, ich aber etwas haben wollte, das Interessierte zum Andenken mitnehmen können, habe ich mir so meine Gedanken gemacht. Es musste schnell gehen, also klein sein, aber trotzdem topp. Aber auch anders als ein noch kommendes Buch, sonst will das ja keiner mehr … Bei dieser Grübelei saß ich gerade im Plattenraum, umgeben von Hunderten von Platten. Ich würde mal sagen, die Platten haben sich mir geradezu in den Weg gestellt und wollten es so, ich war eigentlich nur noch ihr Handlanger. Ich nahm eine in die Hand und habe sie mir genau angeschaut, und ja, da war es dann klar: Originalplatte, Hülle mit Text und Booklet mit Bildern, spitze! Dass mein Hund Ernie, der über meine Arbeit sowieso schon geschrieben hatte, auch noch auf der Hülle erscheinen würde, war dann der nächste Glücksfall.

 

Ihre Arbeiten entstehen in der Tradition der Readymades. Welche Gegenstände sprechen Sie an, gibt es Auswahlkriterien?

Da gibt es verschiedene Qualitäten der Gegenstände, die mich interessieren. Manchmal ist es einfach nur die Form oder auch die Farbe. Es gibt aber auch Dinge, die sind so hässlich, dass ich sie einfach haben muss. Wofür ich sie dann einsetze, ergibt sich dann oft erst später. Aber auch skurrile Objekte, deren Funktion sich auf den ersten Blick nicht erschließen lässt, sind interessant. Dann gibt es aber auch eine Menge extrem »normaler« Gegenstände, ohne spezielles Design, aus ihnen etwas zu machen, ist auch sehr reizvoll, da ihr sonstiges Dasein recht unspektakulär ist. Extrem abgenutzte Dinge haben große Vorteile, da sie viel erzählen und ihre Oberflächen gleichzeitig informelle Malereispuren aufweisen oder aber auch ihre Benutzungsdauer anzeigen.

 

Kunstkritiker verweisen immer wieder bei Ihren Arbeiten auf Kurt Schwitters. Welche Bedeutung hat er für Ihre Kunst?

Kurt Schwitters erwähne ich selbst gerne immer wieder, da sein Merzbau, was Installationen angeht, durchaus wegweisend war. Über Jahre hinweg hat er an diesem Bau immer wieder gearbeitet und den Raum wachsen lassen. Sein skulpturales Arbeiten hat über die Zeit den Raum besetzt, sich den Raum angeeignet. Eine Installation, die aus sich heraus gewachsen beziehungsweise gewuchert ist. Ein Vorgehen, das mir sehr nahe ist. Sein collagenhaftes Arbeiten ebenso, das Finden neuer Bedeutungen durch das Kombinieren von Dingen, die nicht zusammengehören. Außerdem mag ich seinen klugen Humor.

 

Das Motiv Ihrer Collector’s Edition macht neugierig. Gibt es dazu eine Geschichte?

Ja, die Dinge sind auch alle originale Fundstücke aus dem Haus wie die Platten für das »Künstlerbuch«. Ich habe auch etliche Bowlingtrophäen und Bowlingkugeln im Haus gefunden, daher glaube ich, dass neben Golf auch viel Bowling von den Hausbewohnern gespielt wurde. Der Titel Never Die ergab sich dann von selbst durch die Figur, die mit auf der Abbildung ist. Ich fand das auch sehr passend, da ja sozusagen lebenserhaltende Maßnahmen am Haus durchgeführt wurden und Etliches vor der Müllkippe bewahrt werden konnte.

22.1.2014

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