Kunstlexikon

Monika Grzymala

Einswerdung von Linie und Bildträger

Monika Grzymalas Auseinandersetzung mit Zeichnung und Linie folgt einer langen kunstphilosophischen Tradition, jedoch hat sie mit ihren Arbeiten der letzten Jahre die Linie imposant aus der Zweidimensionalität geholt. 

Bereits Federico Zuccaro setzte sich 1607 mit dem Verhältnis von Idee und Zeichnung auseinander und seine Überlegungen führten ihn dazu, das Primat der Linie zu verkünden. Denn nur die Zeichnung gleicht dem »göttlichen Schöpfungsakt«, da die Linie die äußere Gestalt der Idee ist und damit aller Anfang. Für die 1970 im polnischen Zabrze geborene Künstlerin Monika Grzymala ist Linie und »Zeichnung von der Hand geführtes Denken«, auch wenn sie mit ihren Arbeiten längst Leinwand und Papier verlassen hat und sie ihre Linien skulptural an Wänden verwebt oder dreidimensional in den Raum ausdehnt. Doch auf Papier fängt bei ihr immer noch alles an. Die Linie ist für sie »Kontinuum, Anfang und Ende, sie kann beide Pole definieren, abgrenzen, in eine, viele und alle Richtungen streben oder miteinander verbinden. Sie offenbart Beziehungen, sie ist ebenso einfach wie komplex«.

Grzymala nimmt mit ihren Arbeiten dezidiert Zugriff auf die vorhandene Architektur, wie ihre architektonischen Interventionen in der Marian Goodman Gallery New York, in The Chinati, Marfa Texas oder 2010 im MoMA imposant gezeigt haben: Ihre Zeichnungen, die an einer Stelle aus den Wänden zu springen scheinen, glätten sich an anderer und verschwinden schließlich, um erneut in Bewegung und Schwung zu kommen. 

Um Linie in Skulptur übersetzen zu können, eignete sich Grzymala verschiedene Techniken an: Neben der Verwendung von kilometerlangem Klebeband, das bunt oder streng monochrom, raumgreifende, wirbelnde Gesten und poetische Lineaments zeichnet, aber auch meist nur temporär bleibt, ging sie in ihren neuesten Arbeiten dazu über, mit handgeschöpfter Washi-Papierherstellung das reliefartige, texturale Papier selbst zur Zeichnung zu machen. Grzymala, die an den Kunsthochschulen in Karlsruhe, Kassel und Hamburg Bildhauerei studiert hat, variiert ihr künstlerisches Thema der dreidimensionalen Zeichnung nicht nur mit unterschiedlichen Materialien, sie geht noch einen Schritt weiter und befreit die Zeichnung, indem sie das Papier aus seiner Textur heraus in Bewegung versetzt. Für Grzymala ist der physische und direkte Umgang mit ihren Materialien von großer Bedeutung. Im Prozess des Papierschöpfens entstehen kontrolliert faserige Verknäulungen, Überschneidungen, Windungen und Verflechtungen, die ein Netzwerk aus Linien sichtbar machen oder einzelne Fasern zart über dem Relief schweben lassen. Die traditionelle Technik des Papierschöpfens eröffnete ihr »vollkommen neue Möglichkeiten, Bildträger und Linie zueinander in Bezug zu setzen«. Die Einswerdung von Linie und Bildträger ist ihr mit dem einzigartigen, raumgreifenden Papier-Projekt in der Privatwohnung von Dian Woodner in New York gelungen, wo die Berliner Künstlerin drei Jahre lang an einer Reliefzeichnung aus Washi-Papier gearbeitet hat: Die »Zeichnung umhüllt nicht nur den Raum, sondern auch die Person, die darin lebt, wie eine Umarmung.«

05.10.2011 Caroline Schilling

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