Kunstlexikon

Kerstin Drechsel

Kerstin Drechsel

Kurzbiografie

Kerstin Drechsel (*1966 in Reinbek bei Hamburg) lebt und arbeitet seit über 20 Jahren in Berlin. In zahlreichen Ausstellungen hat sie ihr vielschichtiges Werk in Deutschland, Großbritannien, Spanien, Frankreich und Mexiko ausgestellt. Seit 2006 ist sie Lehrbeauftragte für Zeichnung an der Universität Kassel. Sie studierte bei Achim Freyer.

Bücher zum Thema

Kerstin Drechsel

Kerstin Drechsel
Wärmespeichersysteme

Vergriffen
ISBN 978-3-7757-3251-2
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Vom Sein anderer Ordnungen

»Ich finde es spannend, die Grenze zu finden zwischen dem, was so allgemein als völlig inakzeptabel empfunden wird und einer gewissen Art von Unordnung, die ich als normal empfinde.« (Kerstin Drechsel im Gespräch mit Oliver Koerner von Gustorf)

Kerstin Drechsels Arbeiten faszinieren und irritieren, da sie den Betrachter ihrer Bilder, Dioramen und Skulpturen mit sehr privaten und intimen Orten menschlichen Lebens konfrontieren und dieser sich ständig seines voyeuristischen Blicks bewusst wird. Wie sollen wir schauen? Was machen solche Bilder mit ihrem Betrachter? Dabei drängen sich eine Reihe von Fragen auf, die in der frühen feministischen Theorie von zentraler Bedeutung waren.
Die Berliner Künstlerin zeigt in ihren Werkserien Räume und Szenen großer Intimität, in die eine grundsätzliche Auseinandersetzung und Infragestellung von Normen und Grenzen eingebettet ist. Mit ihrem dreiteiligen Werkkomplex »Reserve«, »Unser Haus« und »Mittelerde« (2001-2007) hinterfragt sie Formen und Konventionen der Ordnung und Unordnung, in anderen Serien wie »In Wärmeland« (1996-1998) oder »If you close the door« (2008-2010) thematisiert sie weibliche Individualität und Formen von lesbischer Intimität, Sex und Pornografie.

Drechsel hat sich lange mit dem Thema Pornografie beschäftigt, die für sie »per se erstmal eine Männerdomäne« ist und die sie für sich besetzen wollte, ohne selbst Pornografie zu produzieren. Immer aber geht es ihr auch um die Auseinandersetzung mit der Kunst selbst, »die schillernde Reibungsfläche zwischen low und high art«. Es entstanden eine Siebdruckserie und Aquarelle, in Form eines Groschenheftchens, Plakate, die lesbische Paare beim Liebesspiel zeigen, Wohnaccessoires und die dreizehn außergewöhnlichen Dioramen »In Wärmeland #2«. Die darin gezeigten barbiepuppenartigen weiblichen Figuren aus Trickfilmknete sind in puppenstubenähnlichen Kulissen pornografisch in Szene gesetzt: Verführerische Sexszenen mit lüsternen Körpern in einer bonbonfarbigen Kulisse zeigen, dass Sex allgegenwärtig ist: im Frisiersalon, auf der Kühlerhaube eines Autos, beim Arzt, im Fitnessstudio, beim Reiten, und und und. Die Wahl den Typus Barbiepuppe zu verwenden, scheint hier einmal mehr durch die sexuelle Konnotation der Figur sinnfällig und gleichzeitig stellt Drechsel, die in diesem Kontext entstehenden Klischees infrage.

Auch in ihrem neueren, umfangreichen Gemäldezyklus »If you close the door« nimmt sie das Thema lesbische Frauenbeziehungen wieder auf, der Focus liegt nun auf lesbischer Klubkultur. Die Bilder der sich liebenden Frauenpaare sind nun beides: Sie haben die pornografische Tendenz alles offen zu legen und gleichzeitig eine erotische Neigung, die eher dazu tendiert, das Eigentliche zu verbergen. Es sind Bilder voller Intimität, sie wirken fast flüchtig und melancholisch, trotz der eindeutigen sexuellen Figurationen der lesbischen Paare, bleibt der Akt des Schauens distanziert. Traditionelle Repräsentationsmuster und Asymmetrien weiblicher und männlicher Blickstrukturen werden durchkreuzt und verschoben. Der Klubraum wird als halböffentlicher Ort anonymer sexueller Kontakte neu definiert und als ein geschützter Zufluchtsort für lesbische Nähe und Intimität gezeigt.

Drechsels Malweise mit verdünnten Ölfarben, die die Konturen des Dargestellten ausfranst und verwischt, wirkt wie der formale Ausdruck der Bilddeutung: auf subtile Weise formuliert sie eine Aussage über Schönheit und den weiblichen Körper mit der gleichzeitigen Weigerung, Grenzen und Zuweisungen als absolut und eindeutig zu akzeptieren. Wenn eine Malerin den weiblichen Körper darstellt, kommt sie nicht umhin, darüber nachzudenken, dass die Frau in der Kunst von jeher als Objekt der Schaulust diente.

Drechsel, die bei Achim Freyer studiert hat, eröffnet ein mehrdeutiges Assoziationsfeld, das formal und konzeptionell verstärkt wird durch die jeweilige Präsentation der Bilder im Ausstellungsraum. Hier nehmen manche Bilder überdimensional gleich eine ganze Wand ein, andere sind lebensgroß im Maßstab 1:1 oder auch mal nicht viel größer als eine Postkarte. Einzelne stehen an eine Wand gelehnt auf dem Boden, hintereinander geschichtet, gestapelt, manche hängen, dicht an dicht. Dann sind da noch die Nägel und Schrauben, die aus den Wänden ragen ... Leerstellen für weitere Bilder - Freiheiten für Vermutung und Imagination, Eindeutigkeiten vermeidend. Drechsels Arbeiten zeigen ihr kompositorisch-konzeptionelles Denken.

Dieses Prinzip findet sich immer wieder bei ihr und es erfährt in ihren Arbeiten »Reserve«, »Unser Haus« und »Mittelerde« eine konsequente, großartige Zuspitzung, wenn sie analog dem geschichteten Chaos und Wirrwarr einer unordentlichen (Messie-)Wohnung mit Unmengen an angehäuften und gestapelten Konsumartikeln und Abfall, nicht nur selbst eine inflationäre Anzahl von Wohnungsinnenansichten in allen möglichen Formaten produziert, sondern auch noch den Ausstellungsraum und die Ausstellung selbst in den obsessiven Drang einbindet. Sie hinterfragt in letzter Konsequenz somit auch die Produktion, Sammlung und Ausstellung von Kunst.

Drechsel malt ihre zugemüllten Wohnungen teils auf sehr große Leinwände, so dass der Müll auf den Betrachter förmlich einzubrechen scheint. Diese zweckentfremdeten Orte haben sich einer außer Kontrolle geratenen Sammelwut ergeben, wo für andere Menschen kein Platz mehr ist. Eine andere Kategorie von Wohnungen sind jene von Kulturschaffenden, die vollgestopft sind mit Bücherstapeln, Zeitungs- und Magazinbergen, Manuskripthaufen und ähnlichem, wo sich Leben und Arbeit auf undurchsichtige Weise vermischt hat und Arbeit alles durchdringt. Alle Wohnungen sind real, vorgefunden, nicht erfunden.

Seit 1998 fotografiert sie private Räume. Die gezeigten Orte sind für Drechsel immer auch das Porträt ihres Bewohners, wie es intimer nicht sein kann, ohne den Menschen selbst zu zeigen. Wir wissen nicht wer hier wohnt, sehen aber die Welt, die sich ein Mensch um sich herum gebaut hat; »das, was jemand in seiner Wohnung hat, das erzählt doch sehr viel über die Person selbst«, so Kerstin Drechsel in einem Interview. Sie möchte mit ihren Arbeiten weder bewerten noch entblößen, es ist vielmehr ein neugieriges, freundliches Abtasten einer anderen Lebenswelt mit anderen Ordnungen.

17.01.2012 Caroline Schilling

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