Interview

Interview mit Stefan Hanke

© Stefan Hanke

Stefan Hanke

Stefan Hanke
KZ überlebt

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ISBN 978-3-7757-4020-3
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Herr Hanke, Sie haben für Ihr Projekt »KZ überlebt« 121 Überlebende nationalsozialistischer Konzentrationslager porträtiert. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Schon in meiner Kindheit – ich bin 1961 in Regensburg geboren – hörte ich immer wieder, wie mit dem Ort »Dachau« gedroht wurde. Wenn ich dann nachfragte, was in Dachau passiert sei, wurde geschwiegen. Ebenso blieben meine Fragen nach der Kriegszeit unbeantwortet – auch im Schulunterricht. Mit 17 Jahren trampte ich erstmals zur Gedenkstätte Dachau, suchte nach Antworten und hielt meine Eindrücke mit der Kamera fest. Die Bilder stellte ich anschließend in der Schule aus – meine erste Fotoausstellung.

 

Wie ging es dann weiter?

2004 entstanden erste Porträts und in den folgenden Jahren bereitete ich mich intensiv auf das Projekt KZ überlebt vor. Ich recherchierte und besuchte ehemalige Konzentrationslager. Von 2010 bis 2014 reiste ich in sieben europäische Länder und fotografierte 121 Überlebende. Mein Weg führte mich von Rom bis an die ukrainische Grenze. Vor allem entstanden Porträts in Deutschland, Tschechien und Polen.

 

Mit welchen Gruppen ehemaliger KZ-Inhaftierter haben Sie Kontakt aufgenommen?

Es war mir ein großes Anliegen, alle noch für mich erreichbaren Verfolgtengruppen in den Porträts vertreten zu wissen. Aus meiner Sicht gibt es keine Opferhierarchie. Ein großer Teil meiner Protagonisten ist jüdischer Herkunft, aber ich porträtierte auch Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, sowjetische Kriegsgefangene, politische Häftlinge sowie Häftlinge, die den schwarzen Winkel für »Asoziale« tragen mussten. Besonders am Herzen liegt mir das Schicksal der Doppelverfolgten. Leider fehlen Porträts homosexueller Häftlinge in meiner Arbeit. Es gelang mir zwar noch, mit einem der letzten Überlebenden in Kontakt zu treten, aber er verstarb kurz darauf. Meine Arbeit ist eben oft ein Wettlauf mit der Zeit.

 

Welches Konzept steht hinter Ihrem Projekt?

Ich sehe KZ überlebt in erster Linie nicht als ein dokumentarisches Projekt. Vielmehr interpretiere ich die Begegnungen mit den Überlebenden künstlerisch mit Mitteln der Fotografie. Bildkomposition und Aufnahmeort reflektieren die Geschichte der Überlebenden in einer Momentaufnahme. Jedem Porträt wird ein Zitat gegenübergestellt, dazu liefern die Biografie des Menschen und eine Bildlegende zur Entstehungsgeschichte zusätzliche Informationen. Diese Bausteine ergeben einen Erzählkreis, aus dem sich immer wieder Sinnbilder und Metaphern entwickelt haben. So zum Beispiel das Porträt des Mediziners Leon Weintraub, den ich vor der Zeppelinhaupttribüne des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes porträtiert habe. Als Überlebender der Lager fühlte er sich nicht als Opfer, sondern als Sieger. Oder das Bild des Pragers Pavel Stránský, der im Schwurgerichtsaal 600 des Nürnberger Justizpalastes an der Anklagebank lehnt, an der sich führende Vertreter des nationalsozialistischen Regimes für ihre Taten verantworten mussten. Herr Stránský trug immer noch seinen Ehering, den er noch vor dem Transport nach Theresienstadt bekommen hatte. Die Liebe zu seiner Frau und die Hoffnung, sie wiederzusehen, hatte ihm neben Glück geholfen, die Lager zu überstehen. Die Liebe, so sagte er mir in diesem historischen Gerichtssaal, ist das Wichtigste im Leben.

 

Sie porträtierten 121 Überlebende, auf den ersten Blick 121 Mal die gleiche Biografie mit den Stationen »vor dem KZ«, »im KZ« und »nach dem KZ«. War es schwer, sich in Ihrer Arbeit einem Automatismus zu entziehen?

Ich presse die Menschen in keine vorgefassten Opferschablonen, sondern lasse mich auf jede Begegnung mit Empathie neu ein. Der zweite Schritt ist, die Menschen nicht zu mystifizieren. Es gibt nicht den einen Typ »Überlebenden«. Damit wird man weder der Person noch ihrem individuell erfahrenen Leid gerecht. Ich bereitete mich auf die Treffen gründlich vor, indem ich mir historische Informationen wie auch Kenntnis über die Örtlichkeiten und deren Bezug zu den Überlebenden verschaffte. Der Überlebende sollte seine Geschichte erzählen können, ohne sich erst groß erklären zu müssen. Ich porträtierte übrigens nie mit starrem Plan, sondern ließ immer Raum für Spontanität und Kreativität. Danach wertete ich die Ergebnisse von Interview und Fotos aus und ordnete so jedem Beitrag im Buch einen eigenen Aspekt, einen eigenen Gedanken zu.

 

Es gibt neben dem Buch auch Ausstellungen?

Von Anfang an war »KZ überlebt« als Buch wie als Ausstellung geplant. Erste Porträts wurden 2013 im Deutschen Bundestag gezeigt, 2014 waren Bilder der Serie im Kunstmuseum Solingen sowie im Bayerischen Landtag zu sehen. Anfang April 2016 startet die Ausstellung in Tschechien in der Gedenkstätte Theresienstadt und ab 15. Juli 2016 ist sie im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg bis zum Jahresende zu sehen. Im Januar 2017 wird sie in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Polen gezeigt und eröffnet im März 2017 in Regensburg. Weitere Ausstellungen sind für Pilsen und Prag geplant.

 

Welche Erwartungen haben Sie an dieses Projekt?

Ich möchte diese Frage mit der Widmung aus meinem Buch beantworten: Dieses Buch ist allen Verfolgten totalitärer Systeme gewidmet und unserer zukünftigen Generation, von der ich mir Wachsamkeit gegen jegliche Tyrannei erhoffe.

 

Über Stefan Hanke

Er sei ein »Porträtist der Seele« sagte einer der Zeitzeugen über den Regensburger Fotografen Stefan Hanke. Rund zehn Jahre reiste er tausende von Kilometer durch sieben Länder, um Überlebende für sein Fotoprojekt »KZ überlebt« zu porträtieren.

Die Begegnungen waren weit mehr als eine Fotosession. Hankes Fotos erzählen Geschichten von Menschen, die als Kinder und junge Erwachsene unvorstellbare Grausamkeiten erlebt haben und die die Erinnerung ihr Leben lang mit sich herumgetragen haben. Hankes Bilder spiegeln die erschütternden Erlebnisse auf vielfältige Weise – subtil und konsequent in Bild und Text.

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