Interview

mit Jochen Raiß

Jochen Raiss Interview
Frauen auf Bäumen

Frauen auf Bäumen

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ISBN 978-3-7757-4167-5
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Lieber Jochen, welches Bild gab die Initialzündung für »Frauen auf Bäumen«? Wann wusstest Du: »Daraus mache ich eine Serie?«

Ich sammele ja schon sehr lange historische Amateuraufnahmen, ca 25 Jahre. Am Anfang waren die Fotos allerdings eher schöne Lesezeichen für mich, noch weit entfernt von thematischen Serien. Vor etwa zehn Jahren wusste ich, dass ich daraus mehr machen will. Um die Jahreswende 2014 kam ich auf die eigentlich sehr naheliegende Idee, einige meiner gefundenen Bilder zu scannen. Plötzlich fielen mir am Bildschirm Details auf, die ich vorher mit bloßem Auge gar nicht erkennen konnte. Das war ein sehr aufregendes Erlebnis für mich.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Hatje Cantz?

Das ist eine sehr schöne Geschichte. Ich war letzten Herbst beruflich auf der Buchmesse. Auf dem iPad hatte ich ein PDF der »Frauen auf Bäumen« mitgenommen, weil ich einfach einmal herausfinden wollte, wie Kunstbuchverlage dem Thema Amateurfotografie, beziehungsweise historischer Amateurfotografie gegenüber stehen. Ich ging also an den Messestand von Hatje Cantz und sah eine Dame, die nicht im Gespräch war. Ich sprach sie an – wie sich später herausstellen sollte, war es Ulrike Ruh, Programmchefin bei Hatje Cantz. Ihre Reaktion war, wie bei vielen noch dieser Tage, wenn ich von den »Frauen auf Bäumen« erzähle, ein Schmunzeln! Sie sagte mir dann, dass sie gleich einen Termin hat, der etwa eine halbe Stunde dauern würde und ob ich nicht danach nochmal kommen wolle, dann würde sie es sich gerne einmal anschauen.
Nun ja, und dann ging ich nach der verabredeten Zeit nochmal hin und wir unterhielten uns sehr lange und angeregt über das Sammeln, Fotografie – und über die »Frauen auf Bäumen«!
 Irgendwann sagte sie dann zu mir, »wissen sie was Herr Raiß, ich möchte gerne etwas mit den Bildern machen. Muss aber einschränkend sagen, dass ich sie zunächst meinem Team in Stuttgart vorführen will, um heraus zu finden, ob sie auch so spontan begeistert sind, wie ich gerade«. Anscheinend war das Team ebenfalls überzeugt [lacht].

In der Presse wird Dein Buch national, wie international besprochen - das Interesse scheint nicht abzunehmen. Hast Du damit gerechnet?

Nein. Ich habe es vielleicht gehofft. Gerade international – damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Eine Freundin hatte mich auf einen Artikel in AnotherMagazine auf Instagram hingewiesen. Ich saß gerade im Bus. Als ich anfing zu lesen, war der Instagram-Post bei 600 Likes, als ich nach einer halben Stunde ausstieg waren es schon 1.800. Das ging so rasend schnell. Mir ist richtig heiß geworden [lacht].

Deine Fotos findest Du vor allem auf Flohmärkten. Hast Du einen Lieblingsflohmarkt?

Mittlerweile sogar zwei. Der Flohmarkt, auf dem ich am meisten finde, ist nicht der schönste, eher trashig. Der ist an der Trabrennbahn in Bahrenfeld. Dort gibt es viele Haushaltsauflösungen. Das hat natürlich auch immer eine traurige Komponente, wenn Du siehst, dass da gerade ein ganzer Haushalt verkauft wird. Der zweite ist vom Publikum sehr angenehm und an sich sehr schön. Dieser ist am Schlachthof in der Feldstraße in Hamburg. Da bin ich gerade zuletzt wieder sehr oft fündig geworden. Manche Händler dort kennen mich sogar schon. Mit ihnen rede ich darüber, dass ich jetzt ein Buch herausgebracht habe mit Bildern, die ich damals bei ihnen gekauft habe.

Wie reagieren die Händler, wenn Du ihnen von Deinem Buch erzählst?

Wie die meisten Menschen, wenn ich von dem Buchtitel erzähle [lacht]. Die haben sich augenscheinlich mit mir gefreut.

Auf welchem Flohmarkt hast Du das beste Bild gefunden?

Ich glaube, das war tatsächlich in Frankfurt am Mainufer. In Frankfurt gab es damals nur diesen einen Flohmarkt, der regelmäßig immer samstags stattfand, das ist nicht wie hier in Berlin. Auf Reisen gehe ich meist lieber allein auf Flohmärkte oder in Trödelläden und finde zufällig etwas Passendes.

Fotografierst Du selbst auch?

[Überlegt] Ja, aber wenig. Es gibt schon so viele gute Bilder auf der Welt, die ich lieber entdecke und sammele. Aber das Fotografieren macht mir Spaß. Vor allem auf Reisen packe ich die Kamera ein. Aber viele Momente halte ich, wie viele andere auch, mit dem Smartphone fest.

Würdest Du Dich als Kunstsammler beschreiben?

Schon, ja. Es sind zwar alles Amateuraufnahmen, aber sehr viele davon – natürlich wähle ich sie auch unter diesem Gesichtspunkt aus – sind sehr ästhetisch.

Was genau machst Du eigentlich beruflich?

Ich bin Mitbegründer von fotogloria | büro für fotografische zusammenarbeit in Hamburg. Wir sind zu dritt und vermitteln Fotografen national und international. Aber grob gesagt sind wir Dienstleister in allen Fragen zum Thema Fotografie und deren Einsatz in der Unternehmenskommunikation. 

Gibt es Kunstwerke, die Dich inspirieren oder Deine Arbeit maßgeblich beeinflussen?

Das ist eine komplizierte Frage. Es gibt verschiedene, ich kann gar keinen konkreten Namen nennen. Auf dem Foto muss etwas passieren, das mich anspricht. 

Planst Du bereits ein neues Buch?

[Lacht] Mit dem Edel Verlag arbeite ich derzeit an einem Buch mit meiner Kollektion von historischen Fußball-Amateuraufnahmen. Der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt, Mitglied der Deutschen Autoren-Nationalmannschaft, verfasst Texte zu meinen Bildern. Er schreibt sehr schöne, fast melancholische Texte. Da meist, wie bei den Frauen auf Bäumen ja auch, die „wahren“ Geschichten längst verloren gegangen sind, spukte schon länger der Gedanke für ein solches Projekt – Texte/Geschichten zu den Bildern zu verfassen – in meinem Kopf herum. Das Buch soll noch dieses Jahr erscheinen. Aber ich würde mich definitiv auch freuen, ein zweites »Frauen auf Bäumen« mit Hatje Cantz herauszugeben. Denn mittlerweile habe ich weit mehr als 100 Aufnahmen in meiner Sammlung.

Eine letzte Frage, die uns brennend interessiert: »Hast Du ein Lieblingsfoto aus der Serie Frauen auf Bäumen«?

Tatsächlich das Titelbild. Unabhängig von mir hat die Grafikerin Gabriele Sabolewski dieses Bild ausgesucht. Sie hatte das Bild zufällig gewählt, um mir zu zeigen, wie das Cover aussehen könnte. Das hat mich riesig gefreut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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