Kunstlexikon

Gustave Courbet

Gustave Courbet

Gustave Courbet, Courbet au chien noir (Portrait de l’artiste), 1842, Petit Palais, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris, c bpk / RMN – Grand Palais / Jacques L'Hoir / Jean Popovich

Kurzbiografie

Jean Désiré Gustave Courbet (*10. Juni 1819 in Ornans, †31. Dezember 1877 in La Tour-de-Peilz) übersiedelte 1839 nach Paris, um Jura zu studieren. Doch widmete er sich dort dem Selbststudium im Musée du Louvre und lernte bei Carl von Steuben und Nicolas-Auguste Hesse, zudem besuchte er die Privatakademien von Charles Suisse und Père Lapin. Nach mehreren gescheiterten Anläufen debütierte er 1844 im Salon, seine Werke wurden in der Folge ausgezeichnet, der Staat kaufte einige Gemälde. 1855 und 1867 organisierte Courbet nach Ablehnung einzelner Bilder eigene Ausstellungen parallel zur Exposition universelle. Zahlreiche Reisen, u. a. in die Normandie und nach Deutschland (München und Frankfurt am Main). Unter Napoleon III. erhielt er eine Anklage wegen vermeintlicher Anstiftung zum Sturz der Vendôme-Säule; im folgenden Prozess gegen ihn wurde er für schuldig befunden, inhaftiert und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Nach seiner Freilassung emigrierte er 1873 nach La Tour-de-Peilz in der Schweiz.

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Zwischen Tradition und Tabubruch

Der französische Maler Gustave Courbet gilt als Meister des Realismus und der Provokation. Sein wohl berühmtestes Bild, LOrigine du monde, lange Zeit der Inbegriff eines Kunstskandals, wurde jüngst von der französischen Tageszeitung Le Monde als »eine Art zweite Mona Lisa« bezeichnet.

 »Die Pädagogen wie Phidias und Raffael haben uns nichts mehr zu sagen. Was lehren sie uns? Nichts. Nur eins hat Wert: die Originalität. Man muß sich durch die Tradition durcharbeiten, wie ein guter Schwimmer einen Strom durchschwimmt: die Akademiker ertrinken darin.«(Gustave Courbet)

 »… vor allem bin ich Realist. Realist bedeutet: ein aufrichtiger Liebhaber der ehrlichen Wahrheit.«(Gustave Courbet)

Kein anderer Künstler, zumal im prüden 19. Jahrhundert, wagte einen solch drastischen Realismus und den damit verbundenen Tabubruch: Mit LOrigine du monde, einer beispiellos kühnen Nahaufnahme eines weibliches Geschlechts, schuf Gustave Courbet 1866 sein berühmtestes und zugleich ein berüchtigtes Werk. Entstanden im Auftrag des türkisch-ägyptischen Kunstsammlers und Diplomaten Khalil-Bey – der es in seiner Kollektion vor allem erotischer Kunst hinter einem Vorhang aufbewahrte, den er nur für ausgewählte Gäste aufzog – blieb das Gemälde den Augen einer breiteren Öffentlichkeit über ein Jahrhundert lang verborgen. Erst 1988, nach verschiedenen Stationen in Privatsammlungen, wurde es im Brooklyn Museum in New York ausgestellt und sorgte noch immer für Entrüstung. Doch auch zur Zeit seiner Entstehung wurde über den gemalten Skandal gesprochen, ein Kritiker schrieb: »Man war verblüfft, eine lebensgroße Frau in Frontalansicht zu sehen, erregt und verrenkt, bemerkenswert gemalt, wie die Italiener sagen con amore wiedergegeben und das letzte Wort dem Realismus gebend. Unverständlicherweise hatte der Künstler, der sein Modell nach der Natur kopiert hatte, es jedoch versäumt, die Füße zu reproduzieren, die Beine, die Schenkel, den Bauch, die Hüften, die Brust, die Hände, Arme und Schultern, den Hals und den Kopf.« Was in der mäandernden Bildbeschreibung unausgesprochen bleibt, ist offensichtlich: der Ursprung der Welt. Über eine bloß voyeuristische Zurschaustellung hinaus zeigte Courbet den weiblichen Schoß als Ort, an dem das Leben entsteht – ein Schlüsselbild der Kunstgeschichte. Während zahlreiche Künstler vor und auch nach Gustave Courbet nackte Frauen als allegorische Gestalten mit moralisierenden Deutungen auf die Leinwand brachten oder Metaphern wie Muscheln oder Grotten für das weibliche Geschlechtsteil fanden, revoltierte er gegen die Prüderie seiner Zeitgenossen und die akademischen Konventionen.

Bereits elf Jahre vor der Entstehung dieses Frauenaktes wurde Courbets Lust an der Provokation offenbar. Im Jahr 1855 wurden auf der Pariser Exposition universelle drei der vierzehn von Courbet eingereichten Werke abgelehnt. Parallel veranstaltete der Künstler daher vor den Toren der Weltausstellung in einem selbst errichteten Gebäude eine eigene Ausstellung, die er Pavillon du Réalisme taufte, und präsentierte vierzig seiner Werke – ein Zeugnis seiner neuen Wirklichkeitsauffassung: »Die Malerei soll ausschließlich in der Wiedergabe von Dingen bestehen, die der Künstler sehen und fühlen kann.« Er sei, so proklamierte Courbet auch in seinem »Realistischen Manifest«, nur sich selbst und seiner Individualität verpflichtet, zwar in Kenntnis der Tradition, aber doch unabhängig von ihr. Keine »höheren Mächte«, keine fest gefügten Regeln sollten seinen frei gewählten Weg begrenzen. Schon frühere Gemälde wie Die Steinbrecher (1849/50) und Ein Begräbnis in Ornans (1849/50) kündigten Courbets Protest gegen akademische Normen an und lösten Empörung aus, da ihre monumentale Größe sich für Historienbilder, nicht jedoch für die Darstellung schlichter, alltäglicher Szenen mit gewöhnlichem Personal ziemte.

Das leidenschaftlich revoltierende Engagement Gustave Courbets für künstlerische Individualität und für Wahrhaftigkeit zeigt sich in seinem gesamten Schaffen: in seinen eindrücklichen Selbstporträts, von denen er in einem Brief an den Sammler und Mäzen Alfred Bruyas einmal bemerkte, er habe in ihnen eine Biografie seiner selbst gemalt; in den Darstellungen seiner Heimat in ihrer ganzen Urwüchsigkeit – der Franche-Comté mit ihren dunklen Quellgrotten, ihren dichten Wäldern und steilen Kalkfelsen – die die Landschaftsmalerei revolutionierten; oder auch in den Seestücken von der normannischen Küste, seinen Bildern des Meeres in Aufruhr, die die Schönheit und Wildheit der Natur erfahrbar machen und nicht selten als Chiffren für die politische Erneuerungshoffnung des Künstlers verstanden werden.

In zahlreichen Gemälden Courbets, etwa in seinen Schneelandschaften oder Wellenbildern, erlangt die Farbe dabei eine geradezu greifbare plastische Präsenz. Der Künstler schuf seine Bilder häufig mit einer Bürste, mit dem Messer, einem Lappen oder sogar mit dem Daumen, oft auch mit Hilfe eines Palettmessers. Paul Cézanne nannte ihn einen »Farbenstampfer«, der wie ein Maurermeister gearbeitet habe und sprach dabei letztlich auch die revolutionäre Behandlung der Farbe als Material an, die sich vom Malgegenstand löst und damit den Weg in die Abstraktion weist. Die unmittelbare Wirkung des freien Umgangs mit der Farbe in einem seiner Seestücke beschrieb Cézanne enthusiastisch mit den Worten: »Es ist, als käme sie [die Welle] gerade auf einen los, man schreckt zurück. Der ganze Saal riecht nach Wasserstaub.« Generationen von Künstlern, von Pablo Picasso bis Gerhard Richter, wurden von Courbets Malerei inspiriert, diese »lebendige Kunst« (Gustave Courbet) lockte – und lockt noch.

13.10.2014 Stefanie Gommel

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