»7 Fragen an…« Katharina Mouratidi

PiB Interview »7 questions for… / 7 Fragen an…« KATHARINA MOURATIDI

PiB – Photography in Berlin sprach mit Katharina Mouratidi, Künstlerische Leiterin von f³ – freiraum für fotografie. Der Ausstellungsort für internationale Autorinnen- und Autorenfotografie zeigt auf 200 qm in der Nähe des Oranienplatzes in Berlin fünf bis sechs Ausstellungen pro Jahr, die sich mit politischen und gesellschaftlich relevanten Fragestellungen auseinandersetzen.

Viel Vergnügen mit dem #PiBinterview Nº5 in der Reihe »7 Fragen an…«.

 

Katharina Mouratidi. Foto © Heike Overberg

Katharina Mouratidi. Foto © Heike Overberg

Katharina, wie und wann kamst Du zur Fotografe, und was bedeutet Fotografie für Dich?

Ich bin in den 1980er Jahren aufgewachsen – der Zeit der Nachrüstungsdebatte und des NATO-Doppelbeschlusses. In kürzester Zeit bildete sich gegen die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenwaffen in Europa eine breite Friedensbewegung. An den großen Demonstrationen nahmen weltweit Millionen von Menschen teil und ich war als schon als Jugendliche immer mit dabei. Das hat mich geprägt. Ich habe meine Jugend nicht auf Partys verbracht, sondern war mit meinen Freundinnen und Freunden auf der Straße. Die Öffnung der Sowjetunion und die erfolgreichen Abrüstungsverhandlungen haben dann in uns allen das Gefühl geweckt, dass wir gesellschaftlich etwas bewegen können. Und so ist es eigentlich bis heute geblieben. Ursprünglich wollte ich in die Politik. Das war mit dann aber doch zu theoretisch. Dann habe ich die Fotografie entdeckt. Wie kein anderes Medium eignet sie sich dazu, Themen in eine breite Öffentlichkeit zu tragen sowie die Diskussion und Auseinandersetzung damit anzuregen, also gesellschaftliche und politische Prozesse anzustoßen.

Woran arbeitest Du aktuell, und hast Du bereits ein zukünftiges Projekt geplant?

Wir haben den Ausstellungsort f³ – freiraum für fotografie vor einem knappen Jahr eröffnet. Dort zeigen wir fünf bis sechs Ausstellungen internationaler Autorinnen- und Autorenfotografie pro Jahr. Das heißt also: Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung. Wir arbeiten immer an mehreren Projekten gleichzeitig.

(Anm. von PiB: Die offizielle Eröffnung des f³ – freiraum für fotografie fand am 5. April 2017 statt, mit der Einzelausstellung »A Life In Death« von Nancy Borowick. Ihr Fotobuch »The Family Imprint: A Daughter’s Portrait of Love and Loss« ist 2017 im Hatje Cantz Verlag erschienen.)

f³ – freiraum für fotografie. Foto © Heike Overberg

f³ – freiraum für fotografie. Foto © Heike Overberg

Eröffnung der Ausstellung »The Atlas of Beauty« von Mihaela Noroc. Foto © Holger Biermann

Eröffnung der Ausstellung »The Atlas of Beauty« von Mihaela Noroc. Foto © Holger Biermann

 

Am 1. Februar 2018 eröffnen wir die Ausstellung »Kriegskinder« (english version here on PiB) von Frederike Helwig und Anne Waak – übrigens eine Kooperation mit dem Hatje Cantz Verlag. Sie haben Menschen porträtiert, die Ende der 1930er-, Anfang der 1940er-Jahre geboren wurden und während des Zweiten Weltkriegs aufwuchsen. Anhand von Interviewauszügen, die den Porträts der Zeitzeugen gegenüber gestellt werden, ergibt sich ein komplexes Bild der Kriegskinder-Jahrgänge, die in der Zeit des Nationalsozialismus zur Welt kamen. Die Ausstellung zeigt so nicht nur Erinnerungen einer Generation, die wir bald nicht mehr befragen können, sondern thematisiert auch die Auswirkungen transgenerationaler Weitergabe und nicht verarbeiteter Täterschaft auf die aktuelle Politik, zum Beispiel den Wiederanstieg von Anhängern rechtsnationaler Ideologien heute.

© Frederike Helwig, aus der Serie Kriegskinder

© Frederike Helwig, aus der Serie Kriegskinder

 

Von April bis Juni präsentieren wir dann The Heavens, die Arbeit von Paolo Woods und Gabriele Galimberti zum Thema Steueroasen. Die beiden Fotografen sind durch sogenannte Steuerparadiese in aller Welt gereist. Es ist ihnen gelungen dieses eigentlich nicht-visuelle Thema in eindrückliche Bilder zu übersetzen, die uns einen Eindruck davon vermitteln was das Wort „Steueroase“ konkret bedeutet – sowohl für die Gewinner, als auch für die Verlierer der legalen und illegalen „Steuergestaltung“.

© Paolo Woods und Gabriele Galimberti, aus der Serie The Heavens

© Paolo Woods und Gabriele Galimberti, aus der Serie The Heavens

 

Von Mitte Juni bis Ende August folgt dann Where Love is Illegal des NOOR-Fotografen Robin Hammond. Er hat lesbische, schwule, bisexuelle, transgender und intersexueller Menschen aus Ländern porträtiert, in denen ihre Lebensweise verfolgt wird oder unter Strafe steht. Die Serie zeichnet ein vielschichtiges Bild der weltweiten LSBTTI* Community.

Und die Ausstellung zum Europäischen Monat der Fotografie ist natürlich auch bereits in Vorbereitung – aber noch ganz geheim.

© Robin Hammond, aus der Serie Where Love is Illegal

© Robin Hammond, aus der Serie Where Love is Illegal

Was macht für Dich ein „gutes“ Bild aus?

Ein gutes Bild ist für mich eine Fotografie, die es vermag nachhaltig zu berühren. Also eine Fotografie, die einem nicht mehr aus dem Sinn geht, die man nicht mehr vergisst, die einen erschüttert und die – im allerbesten Sinne – einen gedanklichen Prozess in Gang setzt. Und auch auf die Gefahr hin als hoffnungslose Romantikerin abgestempelt zu werden: Ja! Diese Bilder gibt es.

Was schätzt Du am meisten bei Deinen Freunden?

Zuverlässigkeit, Humor, Eigensinnigkeit. Und ganz wichtig: Mut. Den Mut jenseits von Konventionen und gesellschaftlichen Zwängen den ganz eigenen Weg zu gehen.

Wenn Du finanziell völlig unabhängig wärst, würde sich Dein Leben bzw. berufliche Arbeitsweise dann verändern, und inwiefern?

Geld ist leider immer ein wichtiges Thema. Für unsere Arbeit erhalten wir keine institutionelle Förderung. Unsere Ausstellungen, also die Miete für den Ausstellungsort, Nebenkosten, die Prints, Texttafeln, Übersetzungen, Versicherungen, Transporte, Honorare für die Fotografinnen und Fotografen usw. usw., finanzieren wir durch Eintrittsgelder, Mitgliedsbeiträge – wir sind ja ein gemeinnütziger Verein – Spenden und Fördermittel.
Das heißt: Die meiste Zeit verbringen wir damit finanzielle Ressourcen zur Realisierung unserer Projekte aufzutun. Wenn wir ein paar Sponsorinnen und Sponsoren hätten, die unsere Ausstellungen kontinuierlich unterstützen oder auch Patinnen und Paten, die die Mitfinanzierung einzelner Projekte übernehmen möchten, wäre es eine große Hilfe. Dann würde mehr Zeit für die eigentliche inhaltliche Arbeit bleiben: für die Ausarbeitung der Ausstellungen und für ein noch umfangreicheres Rahmenprogramm.

Hängen bei Dir zuhause (eigene) Bilder an der Wand?

Ganz ehrlich? Ich habe den ganzen Tag mit Fotografie zu tun: Mit Arbeiten junger Fotografinnen und Fotografen, die uns ihre Portfolios schicken, mit der Auswahl von Ausstellungen für unseren Ausstellungsraum, bei der Jurierung von Fotografien in Wettbewerben, im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, bei Festivals, usw., usw. Ich bin wirklich froh, wenn ich abends, bei mir zu Hause, einfach nur eine weiße Wand vor mir habe.

Eines deiner Lieblingszitate?

„Ich kann, weil ich will, was ich muss.“
Immanuel Kant

 

PiB: Liebe Katharina, herzlichen Dank für dieses Interview!

Wer über zukünftige Ausstellungen und Veranstaltungen des f³ – freiraum für fotografie (und weitere Fotografie-Highlights in Berlin) informiert werden möchte, kann sich auch gerne für PiBs wöchentlichen E-Newsletter anmelden – oder die zweimonatliche erscheinende Printausgabe – den PiB Guide – abonnieren! : )

The PiB Guide Nº16 | Jan/Feb 2018 © PiB. COVER PHOTO: Hommage à Zurbarán (Still Life No. 6), New York, 1997, Dye Transfer, 37,2 x 53,5 cm © Evelyn Hofer, Estate Evelyn Hofer; Exhibition at Galerie Springer Berlin.

The PiB Guide Nº16  Jan/Feb 2018 © PiB.
COVER PHOTO: Hommage à Zurbarán (Still Life No. 6), New York, 1997, Dye Transfer, 37,2 x 53,5 cm © Evelyn Hofer, Estate Evelyn Hofer; Exhibition at Galerie Springer Berlin.

  1. Dr.Annegret Bayerl wrote:

    Ein tolles, ganz ehrliches Interview!
    Herzlichen Dank!