Gedanken zu einem Fotospaziergang – oder zu Neudeutsch, zum (Insta-)Walk

Gehetztes Durch-die-Straßen-Rennen, den Blick stur geradeaus gerichtet, zielstrebig von A nach B gelangen – so sieht es meist aus, wenn man im Trubel der Stadt einen Moment lang inne hält und sich umschaut. Lauter Menschen, die wie vom Wind nach vorn geneigt dahineilen, mit Blick auf das Smartphone, am Telefonieren, immer unter Strom. Vieles entgeht einem in diesem Tempo. Und selbst jene, die lange an einem Ort sitzen, schauen selten mal nach oben, an den Fassaden empor oder auf die ganz kleinen Details in der nahen Umgebung: Pflanzen, die zwischen Gehsteigfugen herauswachsen, Wandfresken, die an unmöglich hohen Stellen an Gebäuden aufgebracht wurden ― von trompetenden Engeln oder harfespielenden Jünglingen. Graffiti, die das Stadtbild prägen und kalligrafische, abstrakte oder farbenfrohe Qualitäten haben können. Menschen, die auf ihren Balkonen ganze Universen errichtet haben, Schaufensterdekorationen, die einen mit ihren zusammengewürfelten Inhalten zum Schmunzeln bringen, architektonische Besonderheiten oder skurrile Details, die bei genauerer Betrachtung viel über die Zeit ihrer jeweiligen Entstehung preisgeben. Zusammengebastelte Provisorien, die Fahrräder sein sollten, Urban Gardening im Stadtgebiet, kleine versteckte Streetart-Überraschungen, wundersam geformte Fenstersimse, typografische Auffälligkeiten und absurde Sprüche… – die Liste ließe sich ewig fortführen.

Doch an dieser Stelle möchte ich die Gedanken an die Leserschaft weitergeben. Sich einmal mit der Kamera (oder auch ohne) gegen den Strom treiben zu lassen, vielleicht ziellos ― oder zumindest nicht durch ein eigenes Ziel abgelenkt, durch einen Ort, ein Viertel zu schlendern ― kann ganz neue Welten und Wahrnehmungen eröffnen. Die Idee des Flanierens wieder zulassen. Wie mit kindlicher Neugier, um sich blicken, Perspektiven verschieben lassen und Gewohnheiten fallen lassen. Welche Materialien befinden sich um mich herum? Wie sehen die Kontraste oder Harmonien von Farben, Formen und Zusammenhängen um mich herum aus? Welche natürlichen Einwirkungen oder welche menschlichen Auswüchse und Kreationen habe ich in meinem Blickfeld? Wenn ich sonst immer aus meiner Sichthöhe fotografiere – warum mache ich dies nun nicht mal anders? Wozu eigentlich durch den Sucher/auf das Display schauen? Vielleicht schieße ich meine Bilder mal nur »aus der Hüfte«, ohne zu kontrollieren?

Die Möglichkeiten der Varianz sind mannigfaltig. Die Aufforderung, die ein Fotospaziergang oder Walk an Fotoschaffende stellt, wird mit beeinflusst durch ein festgelegtes Oberthema. Man gibt einen Teil der Verantwortung ab, folgt der Gruppe, doch die Stellschrauben hat man selbst in der Hand. Minimalismus oder Chaos im Bild? Farbe oder Schwarz-Weiß? Banale Fragen wie diese können für die Resultate entscheidend sein. Vorab das Grundraster an Entscheidungen für die Bilder festzulegen kann hilfreich sein, um am Ende gut miteinander kompatibles Bildmaterial zu erzeugen, welches eine Stringenz aufweist und dadurch über den Spaziergang hinaus überdauern kann. Aufgestellte Regeln bedeuten natürlich nicht, dass man diese während des Walks nicht auch wieder über Bord werfen könnte.

In diesem Sinne bin ich gespannt auf den Instawalk mit Sandra Ratkovic, Hatje Cantz und den Teilnehmer*innen sowie auf all die bildnerischen Ergebnisse!

17Oct 2017Write a comment

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