Hannes Jung ‘How is life?‘

Mücken in der Luft an einem See in der Nähe von Kupiskis. Vilma, die an diesem See wohnt, verlor ihren Mann vor fünf Jahren durch Suizid.

Mücken in der Luft an einem See in der Nähe von Kupiskis. Vilma, die an diesem See wohnt, verlor ihren Mann vor fünf Jahren durch Suizid. Aus Hannes Jung ‚How is life?‘, 2016.

Edita mit ihrem Mann Darius. Editas Vater hat im Januar 2016 Selbstmord begangen. Litauen, Kaunas, 21. Mai 2016. (c) Hannes Jung

Edita mit ihrem Mann Darius. Editas Vater hat im Januar 2016 Selbstmord begangen. Litauen, Kaunas, 21. Mai 2016. (c) Hannes Jung

____________________________

Seit 2001 findet an der Hochschule Hannover die Fotografie-Ausbildung mit einem deutschlandweit einmaligen Schwerpunkt im Bereich des Fotojournalismus und der Dokumentarfotografie statt. Ziel der Ausbildung war von Beginn an die Entwicklung fotografischer Persönlichkeiten, die es verstehen, Themen und Inhalte in ihren individuellen Bildsprachen zu visualisieren.

Angesichts aktueller Phänomene wie der Fotografie als Massengut und -kommunikationsform, der Visualisierung von Daten, die hergebrachte Vorstellungen der Spezifik des fotografischen Mediums auf die Probe stellen und der Tatsache, dass wir uns mehr und mehr mit einer medialisiert vermittelten Welt konfrontiert sehen, durchläuft das Medium massive Veränderungsprozesse, die seine Instabilität vorantreiben. Die Frage ist heute weniger: Was ist Fotografie? Als: Was wird Fotografie? – sozial, kulturell, politisch. Das hat vielerlei Auswirkungen auf die Gebrauchsweisen und Kontexte, in denen Fotografie auftritt. Und das muss auch Auswirkungen auf die Ausbildung haben. Für uns geht es daher in der Lehre mehr und mehr um das Reflektieren der Möglichkeiten einer zeitgenössischen erzählerischen Fotografie und einer zukünftigen Praxis in diesem Feld.

Ein gutes Beispiel für eine aktuelle Position, die die Grenzen der dokumentarischen Fotografie auslotet, ist für mich die Arbeit von Hannes Jung, der 2016 bei uns im Studiengang seinen Abschluss gemacht hat. In ‚How is life?‘ beschäftigt sich Hannes Jung mit Litauen, einem Land, das die höchste Suizidrate Europas und eine der höchsten der Welt hat. Proportional mehr als dreimal so viele Menschen wie in Deutschland bringen sich jährlich um, im ländlichen Raum steigt die Rate bis um das neunfache. Betroffen sind vor allem Männer zwischen 40 und 50 Jahren. Seit dem 2. Weltkrieg und mit Beginn der sowjetischen Besatzung ist die Suizidrate unter Männern in Litauen bis um das 10fache gestiegen. Experten sprechen von einem kollektiven Trauma und Identitätsverlust. Dies ist die Ausgangssituation für Hannes Jungs fotografische Arbeit, die keine soziologische Analyse über Suizide in Litauen sein kann und will. Mit dem Medium der Fotografie, das von der Sichtbarkeit lebt, nähert er sich einem Thema, dessen entscheidende Aspekte und Hintergründe einer unmittelbaren Sichtbarkeit verborgen bleiben. Dokumentarische und konzeptionelle Strategien verbindend, interessiert sich Hannes Jung für das Spannungsfeld zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was vorstellbar wird, und lotet in seinen Bild-Text-Kombinationen die Möglichkeiten und Grenzen des Abbildbaren aus.

„Vielleicht kann der Wind nicht fotografiert werden. Aber vielleicht seine Wirkung, wie er das Meer und die Bäume bewegt und verändert.“, wie Hannes Jung selber sagt.

Litauen, Kupiškis, 9. Mai 2016. (c) Hannes Jung

Porträt von Donata mit ihrem Hund Mikutis im Bett. Litauen, Kupiškis 30. Januar , 9. Mai 2016. (c) Hannes Jung

Ein Brunnen im Garten von D*. D*'s Mann versuchte sich in diesem Brunnen umzubringen. Litauen, Katiliškiai, 20. Mai 2016. (c) Hannes Jung

Ein Brunnen im Garten von D*. D*’s Mann versuchte sich in diesem Brunnen umzubringen. Litauen, Katiliškiai, 20. Mai 2016. (c) Hannes Jung

Porträt von Teresa tanzend in ihrer Küche. Teresas Mann brachte sich vor 19 Jahren um. Litauen, Varėna, 21. Februar, 14.Mai 2016. (c) Hannes Jung

Porträt von Teresa tanzend in ihrer Küche. Teresas Mann brachte sich vor 19 Jahren um. Litauen, Varėna, 21. Februar, 14. Mai 2016. (c) Hannes Jung

Weitere Informationen und Bilder unter: www.hannesjung.com

28Mar 2017Write a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *