Colonia Dignidad: Wie Fotojournalismus aktuelle Debatten begleitet

Kaum ein Teil der deutschen Geschichte ist so skurril wie die der „Colonia Dignidad“. Der gleichnamige Film mit Emma Watson und Daniel Brühl bewirkte, dass auch die Politik sich dem Thema wieder angenommen hat. Einen fotojournalistischen Beitrag zur Debatte liefert Jann Höfer mit seiner Arbeit „Wie nasser Zement“. Ein Porträt über den Wandel einer Gemeinschaft.

Die Rückseite des Freihauses, indem Paul Schäfer sein privates Zimmer hatte. Das ehemalige Badezimmer wurde von den Bewohnern zerstört. Schäfer verging sich hauptsächlich im diesem an den Jungen der ehemaligen Colonia Dignidad. © Jann Höfer

Die Rückseite des Freihauses, indem Paul Schäfer sein privates Zimmer hatte. Das ehemalige Badezimmer wurde von den Bewohnern zerstört. Schäfer verging sich hauptsächlich in diesem an den Jungen der ehemaligen Colonia Dignidad. © Jann Höfer

 

Eine christliche Sekte verpackt in ein deutsches Musterdorf 400 km südlich von Santiago de Chile. Die Colonia Dignidad (zu deutsch: „Kolonie der Würde“) gründete sich 1961 als Folgeorganisation der 1959 in Deutschland aufgelösten „Private Sociale Mission“. Dieser radikalchristlichen Gruppe stand Paul Schäfer vor, ein evangelischer Laienprediger und ehemaliger Sanitäter der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Nachdem er in Deutschland wegen Missbrauch zweier Kinder gesucht wurde, tauchte er mit einigen seiner Anhänger unter. Zwei Jahre später tauchten sie in Chile wieder auf und gründeten den „Staat im Staate“. Nach dem Pinochet-Putsch gegen die sozialistische Regierung 1973 diente dieser Ort nicht nur zum Handel mit Waffen, sondern wurde von Pinochets Geheimpolizei auch als Foltergefängnis genutzt. Paul Schäfer selbst nutzte seine Stellung in der Gemeinschaft aus, um seiner Pädophilie zu frönen.

 

Ein autarkes Musterdorf mit Nazi-Verbindungen

Auf dem Farmgelände der Colonia Dignidad kümmerten sich währenddessen über 300 Menschen um die Versorgung der Gemeinschaft. Die Autarkiebestrebungen wurden unter härtester Zwangsarbeit durchgesetzt und bis auf wenige Güter konnte sich die Gemeinschaft komplett selbstversorgen. Nach außen wahrten sie den Anblick einer Gemeinschaft, die sich deutschen Traditionen und einem gottesfürchtigen Leben verpflichtet fühlten. Diesen Idealen hängen die weniger als 200 heute noch verbleibenden Anwohner nach wie vor an.

Bis heute ranken sich viele Mythen um die Nazi-Verbindungen des deutschen Musterdorfs. Über die „Rattenlinien“ und mit Hilfe der OdeSSA (kurz für: Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen) konnten viele Täter des NS-Regimes in Südamerika untertauchen. Eines der bekanntesten Beispiele dürfte der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann sein, der von Agenten des Mossad in Argentinien gefasst und 1962 in Israel für seine Verbrechen hingerichtet wurde. Bei der Verfolgung von NS-Tätern in Südamerika kam auch immer wieder die Colonia Dignidad in den Fokus. So gibt es mehrere Berichte, unter anderem des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal, wonach der Lagerarzt des Vernichtungslagers Ausschwitz Josef Mengele in der Colonia zweitweise Unterschlupf gefunden hat.

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Offiziell zum Schutz vor den Kommunisten, ließ Schäfer einen Zaun um die Colonia Dignidad errichten. Ausgestattet mit Stolperdraht und Infrarotsensoren diente er jedoch mehr dazu die Flucht der Bewohner zu verhindern. © Jann Höfer


„So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein.“

Nachdem lange Jahre sowohl die chilenische Diktatur als auch die deutschen Diplomaten vor Ort die Aktivitäten in der Colonia Dignidad gedeckt haben, begannen in den 80er Jahren in Deutschland die ersten Ermittlungen. Im Jahr 1997 wurden zum dritten Male Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft aufgenommen, die zu einem Haftbefehl gegen Schäfer führten. Wieder war dieser zur Flucht gezwungen und konnte erst 2005 in Argentinien verhaftet werden. Im anschließenden Prozess wurde er in 20 Fällen dem Kindesmissbrauch überführt und starb 2010 im Alter von 88 Jahren im Gefängnis in Santiago de Chile. Die Gemeinschaft auf dem Gelände der Colonia Dignidad besteht bis heute fort.

Angestoßen durch den gleichnamigen Film begann eine politische Debatte um die Verfehlungen der deutschen Diplomatie. Im April 2016 gestand Außenminister Frank Steinmeier ein, dass es Verfehlungen in der deutschen Politik gab. Um die Aufarbeitung zu befördern ließ er die geheimen Akten des Auswärtigen Amtes zu dem Thema offenlegen. Auch Bundespräsident Joachim Gauck bemüht sich um die Wiederaufarbeitung. Während seines Besuches in Chile Mitte 2016 äußerte er sich zu dem Fehlverhalten der deutschen Staatsbediensteten. Diplomaten hätten jahrelang weggesehen und das Geschehen vor Ort gedeckt. Und das, obwohl die Kolonie nicht ohne Kritik war. So notierte der deutsche Diplomat Dieter Haller nach einem Besuch in der Kolonie: „So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein.“ Doch es gab schon damals deutsche Politiker, wie zum Beispiel Franz Josef Strauß, die Colonia zum Teil mehrmals besuchten – ohne Kritik zu äußern.

Thomas mit Frau Elke und seinen Töchtern. Sein Vater Kurt gehörte zum engsten Kreis Schäfers. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Thomas setzt sich dafür ein, dasss er am Wochenende Freigang bekommt. © Jann Höfer

Thomas mit Frau Elke und seinen Töchtern. Sein Vater Kurt gehörte zum engsten Kreis Schäfers. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Thomas setzt sich dafür ein, dass er am Wochenende Freigang bekommt. © Jann Höfer

Aufarbeitung braucht vielfältige Perspektiven

Die fotojournalistische Arbeit von Jann Höfer liefert einen wichtigen Beitrag für eine differenzierte Debatte. Während sich die Berichterstattung und die Politik auf die Geschichte der Colonia konzentriert, zeigt Höfer, wie die Gegenwart der Menschen dort aussieht. Was ist übrig von der totalitären Sekte? Wer ist geblieben, nachdem bekannt wurde, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging?

Was uns Jann Höfer zeigt, sind Menschen und Familien, die durch jahrelange Zwangsarbeit gezeichnet sind und zwischen Tätern und Opfern gewohnt und gelebt haben. Wir sehen das Haus, in dem Paul Schäfer reihenweise Kinder missbraucht hat und das Hotel, dass den Fortbestand der Gemeinschaft sichern soll. Der Tourismus ist zu einem neuen Standbein der radikalchristlichen Gemeinschaft geworden. Sie veranstalten Volksfeste und bieten Erholung an den Orten, wo früher Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden.

Wie in Zukunft mit dem Ort, seiner Geschichte und Gegenwart umgegangen wird, muss sich noch zeigen. Die Arbeit von Jann Höfer zeigt den Status quo einer entwurzelten Gemeinschaft auf der Suche nach einer neuen Perspektive.

Stefan Weger ist Textredakteur bei emerge.

 

Die komplette Arbeit “Wie nasser Zement” von Jann Höfer findet ihr seit heute auf emerge.


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