Künstler, Klischees und Kreissägen

Marta Herford, Modell des Museums mit geplanter Ausstellung "Momente der Auflösung", 24.6.–9.10.2016

Marta Herford, Modell des Museums mit geplanter Ausstellung “Momente der Auflösung”, 24.6.–9.10.2016

Paris, Amsterdam, London – die Frisur sitzt. Warum auch nicht, schließlich entsteige ich keinem Privatjet auf den Flughäfen dieser Welt, sondern sitze in meinem windstillen Atelier vorm Rechner. Auch bin ich nicht dabei, Ausstellungen im Palais de Tokyo, im Foam und in der Tate einzustielen, sondern kommuniziere mit den Metropolen aus einem ganz einfachen, aber folgenschweren Grund: Das Papier ist alle!

Ein Tag zuvor. Ich stehe bei HSL in Düsseldorf vor der Leuchtwand und schaue mir die großen Probestreifen der Bilder an, die ich zur Zeit für verschiedene Ausstellungen produziere. Zwei davon, Einzelausstellungen in der Thomas Rehbein Galerie in Köln und bei Sipgate in Düsseldorf, sind bereits Anfang April, die dritte im Marta Herford im Juni – nicht mehr viel Zeit also. Ich bin regelrecht aufgedreht, wie ein Kind an seinem Geburtstag: Die Tests sehen richtig gut aus, und ich freu mich darauf, die Bilder in groß zu sehen.

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“Und jetzt die schlechte Nachricht.” sagt Jürgen Halfar, mit dem man sich vorzüglich über verschiedene Schärfetechniken unterhalten kann und der immer die Ruhe weg hat, wenn ich gefühlt stundenlang vor meinen Bildern sitze und über Farbe und Kontraste sinniere, und rückt mit den Neuigkeiten raus. Er habe nur noch eine Rolle mit 15 m (was bei 15 meist großformatigen Arbeiten gerade für die Hälfte reicht) und er könne wider Erwarten so schnell kein neues Papier bekommen. Ein Lieferengpass. Ich denke an alles Mögliche, was passieren kann: an Festplatten, die abrauchen, an verunglückende Glastransporter, an Grippewellen und an Wassereinbrüche im Bildlager – ein Produktionsrückstand bei der Papierherstellung stand bislang nicht auf der Liste.

Sooo schlimm sieht das Muster des Alternativpapiers, das mir jetzt Jürgen vor die Nase hält, nicht aus. Ich verwende ein Fine Art Papier (Was auch immer das heißt. Gibt es auch Rough Art?) aus 100% Baumwolle, einem Naturpapier also, bei dem die Oberflächenbeschaffenheit naturgemäß Schwankungen ausgesetzt ist. Das andere – erhältliche – Papier hat dieselbe Farbe, allerdings sieht man beim näheren Hinschauen feine parallele Linien. Man könnte dies als eine solche Schwankung abtun, ich befürchte aber, dass der Effekt je nach Lichtsituation deutlicher ausfällt als gewünscht.

Und so setze ich mich vor den Compi und schaue, ob nicht irgendwo noch eine Rolle IFA22 von Innova ihr tristes Dasein als Ladenhüter in einem dunklen Regal fristet. Das Internet ist toll, Google spuckt sofort eine Liste aus mit Händlern, die mit dem Papier dealen. Dass die Liste nicht allzu lang ist und die deutschen Einträge bereits nach wenigen Zeilen aufhören, dafür kann das Internet nichts. Auch nicht dafür, dass die meisten Händler nur Emailadressen als Kontaktmöglichkeit anbieten und keine Telefonnummern. Wie blöd ist das denn? Der Zeitgewinn, den uns die Online-Suche verschafft, wird dadurch zunichte gemacht, dass man auf Antwortemails warten muss.

Letztlich, es ist inzwischen der nächste Tag, finde ich noch eine Rolle in der Schweiz. Während wir schon über die Zollformalitäten sprechen (etwas aus dem Alpenland herauszubekommen ist fast schwieriger als aus Südkorea!), erhalte ich einen Anruf vom deutschen Vertreter von Innova. Eine neue Charge Papier sei soeben in England fertiggestellt worden und könnte direkt zu HSL geshippt werden. Ok, 3 Rollen reichen erstmal, Glück gehabt. Sorry Schweiz, hallo London!

Hallo Krankenwagen! – das nächste Hindernis. Gerd Stenmans, Geschäftsleiter und -inhaber (früher hätte man “Chef” gesagt) von HSL berichtet mir von einem beunruhigenden Anruf des Schreiners, der die Rahmenleisten liefert. Er hätte sich soeben in Daumen und Zeigefinger gesägt und der Rettungswagen sei unterwegs. Wenn Gerd die Leisten unbedingt sofort bräuchte, solle er schnell vorbeikommen, möglichst vor dem Eintreffen des Notarztes, damit er noch an die Leisten käme, bevor der Schreiner ins Krankenhaus gebracht würde. Ein Schreiner, der sich mit der Kreissäge verstümmelt? Ich dachte, dieses Klischee gäb’s nur in schlechten Witzen, die mit Bierbestellungen zu tun haben. Warum muss mir die Welt ausgerechnet jetzt, in der Endphase einer wichtigen Produktion, zeigen, wie banal sie wirklich ist?

Begutachtung eines Lightjetprints bei der Firma Grieger, Düsseldorf

Begutachtung eines Lightjetprints bei der Firma Grieger, Düsseldorf

Gerd Stenmans, Rahmenlackierkabine, HSL

Gerd Stenmans, Rahmenlackierkabine, HSL

Einrahmung

Einrahmung

A propos Klischees. Ein Bäcker bäckt, ein Hacker hackt, ein Friseur schneidet Haare, ein Schreiner sich in die Finger und ein Banker schaufelt sich Geld in die Taschen – alles klare Berufsbilder mit klar definierten Tätigkeiten. Und ein Fotokünstler? Fotografiert und schläft lange? Zugegeben, letzteres kommt schon mal vor, aber fotografieren tue ich so gut wie nie, wenn man mal von Erinnerungsbildchen absieht. Tatsächlich habe ich meine letzte “richtige” Fotoarbeit im Sommer vergangenen Jahres gemacht, ausgerechnet in einer Zeit, die andere “Urlaub” nennen. Ein gutes Besispiel dafür, wie wenig Beruf und Freizeit zu trennen sind.

Wäre die Zeit, die man mit einer bestimmten Tätigkeit verbringt, maßgeblich für die Bezeichnung des Berufs, den man ausübt, wäre ich weniger Fotograf als Buchhalter, Archivar, Bildbearbeiter, Produktionsleiter, Grafiker, Architekt, Handwerker, Kurator oder Pressesprecher. Ich bin der Leiter meines eigenen Betriebs, der pro Jahr etwa 10 Fotowerke erstellt, und mein eigener Mitarbeiter. Daher kann ich nicht den Pressesprecher anschnauzen, wenn er mal wieder versäumt hat, den News-Bereich der Webseite zu aktualisieren, oder den Grafiker, der vergessen hat, auf dem Ausstellungsposter das Eröffnungsdatum zu erwähnen, oder dem Buchhalter in den Arsch treten, damit er endlich mal die Kostenkalkulation der kommenden Ausstellung macht. Zumindest sollte ich es nicht tun, damit meine Mitmenschen nicht den Eindruck bekommen, mein Verhalten würde pathologische Züge annehmen.

Und dennoch: Alles, was ich mache, hat mit meinen Bildern zu tun, und so werden selbst Exceltabellen und Kostenvoranschläge erträglich. Ich bin mein eigener Herr (der “Chef”) und meines eigenen Glückes Schmied (der “Handwerker”). Ich komme viel rum, habe mit vielen netten Menschen zu tun, und immer kommt was neues um die Ecke. Wie beispielsweise dieser Fotoblog, der mir – fast unerwartet – viel Spaß gemacht hat. Wenn ich jetzt noch wüsste, dass Ihr meine Beiträge gern verfolgt habt und dass meine Bilder ohne weitere Zwischenfälle heil an die Wände kommen, wäre ich ein sehr glücklicher Fotokünstler, der um nichts in der Welt mit einem Bäcker tauschen wollte (ich liebe Ausschlafen) oder mit einem Schreiner (ich liebe meine Finger).

PS: Dem Schreiner geht’s den Umständen entsprechend gut, und keine Gliedmaßen sind komplett ab. Die Rahmenleisten sind inzwischen bei HSL.

PPS: Auch das Papier ist heute gekommen.

Untitled (Sandtracks), verkauftes Exemplar, fertig zum Versand bei HSL

Untitled (Sandtracks), verkauftes Exemplar, fertig zum Versand bei HSL