Worldtour #5: Kapstadt, Stevenson Gallery

Cape Town Station, Kapstadt, Dezember 2015 ©Nadine Barth

Cape Town Station, Kapstadt, Dezember 2015
©Nadine Barth

Die Beteiligten: Anna (Yoga Teacher), Joost, Andrew & Federica (Stevenson Gallery), Gosh (Flatmountain Coffee)
Anlass: Ein Dienstag in Woodstock, Kapstadt, Ausstellung „Schema“ bei Stevenson, mit Zander Blom, Wim Botha, Edson Chagas, Ian Grose, Samson Kambalu, Mawande Ka Zenzile, Moshekwa Langa, Mitchell Gilbert Messina, Meleko Mokgosi, Serge Alain Nitegeka, Odili Donald Odita, Deborah Poynton, Robin Rhode, Hans Richter, Viviane Sassen, Guy Tillim

Sie sagt, es sei ihr erstes Mal. Und dann spricht sie über Anfänge, über das anstehende Neue Jahr, darüber, dass man ohne Furcht seine Schritte setzen soll und der Energie vertrauen, und ich denke an meine Großmutter, die gern das Bonmot referierte, jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne. Wir sitzen im Schneidersitz und singen das Om zusammen, und dann leitet uns Anna, die Yogalehrerin, durch die Vinyasas. Kapstadt, Dienstag früh, der Himmel ist blau. Wie ein Nest sitzt das Studio über den Warehouses, Hafenkräne kratzen am Horizont, die Weite ist eine Weite der Gedanken. Air Yoga.

Woodstock, Kapstadt, Dezember 2015 ©Nadine Barth

Woodstock, Kapstadt, Dezember 2015
©Nadine Barth

Woodstock, Kapstadt, Dezember 2015 ©Nadine Barth

Woodstock, Kapstadt, Dezember 2015
©Nadine Barth

Woodstock heißt dieses Viertel Kapstadts, ein kreativer Spot, renovierte Lofts neben Brachflächen, ein Dazwischen in Zeit und Kreativität. Wandel, wenn man so will, auf die bekannte Art. Erst die Künstler, dann die Galerien, dann die Cafés & Co. Ich parke mein kleines weißes Mietauto, von dem ich immer noch nicht die Marke verstanden habe, vor dem Fabrikgebäude, in dem die Stevenson Galerie beheimatet ist. Einer der Parkwächter mit offiziellem gelben Westchen nimmt meinen Wagen in Obhut. Er hat kaum Zähne im Mund, grinst aber freundlich.

Stevenson Gallery ©Nadine Barth

Stevenson Gallery
©Nadine Barth

Installationsansicht "Schema" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Schema”
©Nadine Barth

Installationsansicht "Schema" ©Nadine Barth

Installationsansicht “Schema”
©Nadine Barth

Der Eingang zu Stevenson ist eine Art Rampe, Worte an der Wand, wie der Geleittext in einem Museum, auch die Großzügigkeit und Weitläufigkeit der Räume lässt mich eher an eine staatliche Institution denken denn eine private Galerie. Passend dazu die Thematik der laufenden Ausstellung: „Schema“ heißt sie, die deutsche Konnotation ist durchaus gewollt, man rekurriert auf Erwin Panofsky und seine Theorie einer „konstruierten Objektivität“, die uns bestimmt. Nach der Entdeckung der Zentralperspektive in der Kunst der Renaissance gehören der Raum und das Sehen, die Überführung der dreidimensionalen Wirklichkeit in die zweidimensionale Fläche eines Kunstwerkes und die Auseinandersetzung mit ihren Bedingungen, Grenzen und Auswirkungen, zum Grund-„Schema“ moderner Kunstwerke. Die spielerische und gleichzeitig tiefsinnige Art, in der etwa der südafrikanische Künstler Robin Rhode damit umgeht, reißt die Schwelle zwischen Performance, Fotografie und serieller Kunst ein: „The object that was drawn always symbolised a kind of object of desire, and the scenario was an extension of a dream of a desire to a dimension that you could place yourself inside.“ (Robin Rhode, Ausstellungstext zu „Schema“). Erst vor ein paar Wochen habe ich Robin in Berlin getroffen, wo er lebt und ein gigantisches Atelier hat, und es freut mich, hier seine Werke als esssentiellen Teil dieser Konzept-Schau zu sehen.

Installationsansicht "Schema":  Robin Rhode, "Restless Mind", 2009

Installationsansicht “Schema”:
Robin Rhode, “Restless Mind”, 2009

Installationsansicht "Schema":  Robin Rhode, "CMYK", 2015

Installationsansicht “Schema”:
Robin Rhode, “CMYK”, 2015

Und dann: Guy Tillim. Ich liebe seine Fotos sehr. Die afrikanischen Alltagsszenen, das Großstädtische, die Interaktionen zwischen den Menschen. Hier ist die Stadt der Raum. Wie Robin Rhode kommt er aus Johannesburg, vor Ort zärtlich „Jo-Burg“ genannt, er arbeitete lange als Pressefotograf, coverte die Kriege des Kontinents, bemüht um Objektivität, er wertet nicht mit seinen Bildern, nie geht es ihm um den „perfekten Moment“ (Cartier-Bresson), sondern eher um den zufälligen, den er zu sich kommen lässt. In „Schema“ hängen verstreut Diptychen von Straßenaufnahmen aus Addis Abeba, ganz frische Arbeiten von 2015. Auch Viviane Sassen spürt dem All(tag)-Tag nach, doch sie komponiert mehr, findet „ästhetische Schönheit“ durch einen sehr subjektiven Blick. Die Niederländerin, die dieses Jahr auf der Shortlist des Deutsche Börse Photography Prize stand, findet viele ihrer Motive in Afrika. Im gerade bei Hatje Cantz erschienenen Buch „Africa under the Prism“ über die ersten 5 Jahre des LagosPhotoFestivals sind einige ihrer farbenfrohen Porträts zu sehen. Geometrischer Bildaufbau, Ikonografien schon jetzt.

Installationsansicht "Schema":  Guy Tillim, "Addis Ababa", 2015

Installationsansicht “Schema”:
Guy Tillim, “Addis Ababa”, 2015

Detail aus Guy Tillim: "Addis Ababa", 2015

Detail aus Guy Tillim: “Addis Ababa”, 2015

Installationsansicht "Schema":  Viviane Sassen, "Alpha", 2011

Installationsansicht “Schema”:
Viviane Sassen, “Alpha”, 2011

Mit Joost plaudere ich über die Geschichte der Galerie: Stevenson wurde 2003 gegründet, erzählt er mir, seit 2009 ist man in Woodstock. Mehr Raum, eine bessere Miete. Und ein Statement ist es natürlich auch. Goodman Gallery waren die ersten, die hier herzogen. Hast du Blank Projects gesehen? fragt er mich. Das ist eine junge Galerie, genau gegenüber. Wild. Er schenkt mir eine Zeitung, die Pieter Hugo gemacht hat. The Journey. Über schlafende Passagiere im Flugzeug. Zwischen Jo-Burg und Atlanta. Mit Infrarotlicht. Ich kenne eigentlich nur die Hyänen-Bilder, fällt mir auf. Pieter Hugo ist schon lange bei euch, sage ich zu Joost. Ja. Er lacht, Pieter hat lange Zeit unsere Miete gezahlt. Er ist super erfolgreich. Jetzt kommt ein anderer Mitarbeiter zu uns, er stellt etwas ins Regal mit den zahlreichen Büchern und Katalogen der Galerie. Ich sehe, dass dort auch das Buch des ägyptischen Fotografen Youssef Nabil steht. „I Won’t Let You Die“. Hatje Cantz, 2008. Eine zarte Auseinandersetzung mit Einsamkeit und Sexualität. Mit handkolorierten Fotos. Joost möchte, dass ich Federica kennenlerne, sie betreut die Fotografie bei Stevenson und arbeitet in der Dependance in Jo-Burg. Wir sprechen noch über die nächsten Messen, die Frieze, die Armory Show, und alle sind aufgeregt, dass Stevenson im Juni zum ersten Mal in Basel dabei sein wird.

Draußen ist es mittlerweile richtig heiß, ich zögere den Moment, in mein kochendes Auto zu steigen, noch etwas hinaus und gehe ins Café gegenüber. Flatmountain heißt es, und es ist eines von diesen trendigen Spots, in denen selbst geröstet und das „Brauen“ von Kaffee zur Kunst erhoben wird. Ich mag zwar lieber die dunkle, leicht verbrannte und ölige Espressovariante, die man aus Italien kennt, aber der Junge hinterm Tresen lächelt mich so charmant an, dass ich mal wieder einen Versuch starte. Noch ehe er mir meine Tasse hinstellt, ermuntert er mich, das „Coffee Magazine“ zu kaufen, für nur 35 Rand (ca. 2 Euro), die Tafel Schokolade, die daneben steht, gebe es umsonst dazu: „Lindt Excellence Roasted Sesam Dark Chocolate“. Ob ich die kennen würde. Klar, sage ich, ich komme aus Deutschland, die Schokolade ist aus der Schweiz, das ist ganz nah. Und ich denke an den Paradeplatz und den Sprüngli-Laden und wieder an meine Großmutter, mit der ich dort mal war und im ersten Stock Kuchen gegessen habe. Ich nehme also das Magazin und die Tafel, reiße das Papier auf und hole ein weiches Stückchen heraus, das sofort an den Fingern kleben bleibt, aber so kann ich auch den etwas säuerlichen Espresso trinken, er schmeckt gar nicht so übel. Ich biete dem Jungen auch ein Stück an und frage nach seinem Namen. Er klingt wie Zeus, buchstabiert sich aber mit T und s und ein h ist auch noch da, ich verstehe es immer noch nicht, da meint er nur: „Just call me Gosh like in ‚Oh my Gosh’“.

Gosh, Flatmountain Coffee, Woodstock, Kapstadt, 2015 ©Nadine Barth

Gosh, Flatmountain Coffee, Woodstock, Kapstadt, 2015
©Nadine Barth

Woodstock, Kapstadt, Dezember 2015 ©Nadine Barth

Woodstock, Kapstadt, Dezember 2015
©Nadine Barth

Auf dem Rückweg fahre ich noch ein bisschen durch die Stadt und an der Küste zurück. Bei Metro FM, dem HipHop & R’n’B-Sender läuft wieder dieser coole Track von DJ Merlon, „Ubugingqigingqi“, und das Stakkato durchschneidet die Luft, der Rhythmus ist ein Rhythmus der Bilder, Sequenzen, Graffitti und Performances, dem Sehen und Erleben, der Liebe und ihrer Energie, und der Moderator gibt uns noch das aktuelle Hashtag des Tages mit in den Nachmittag: #WeAreNotDoneYet. Und so geht es immer weiter. Durch Raum und Zeit und Emotion.

Woodstock, Kapstadt, Dezember 2015 ©Nadine Barth

Woodstock, Kapstadt, Dezember 2015
©Nadine Barth

Die Ausstellung geht bis zum 16.1.2016, www.stevenson.info