Der Tanz des Flusses.

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Mein letzter Blog-Eintrag. Heute mit dem Hamburger Fotografen Michael Lange, der mir soeben sein druckfrisches Buch in die Hand drückte. FLUSS heißt es und ist eine Arbeit, die uns mit dem Blick des Fotografen über die Flusslandschaft des Oberrheins schweifen lässt. Michael Lange schafft immer neue Variationen: Mal sind  Wasseroberflächen herangezoomt, mal weitet sich die Perspektive auf die nebeligen Flussauen aus. Die Fotos fordern ein genaues Sehen ein. Doch das analytische Betrachten verkehrt sich schnell in kontemplative Versenkung. Die Betrachtung wird zur Einkehr. Und natürlich nutzt der Fotograf das metaphorische Potential seines Sujets. Die Fotos erzählen uns von Stille und dem Einssein mit der Natur und man möchte unter die Wasseroberflächen tauchen, um zu einer dort irgendwo vermuteten Erkenntnis zu gelangen. Dabei fügen sich Michael Langes Bilder im Buch leicht zusammen und ergeben einen Fluss im doppelten Sinne. Auf dem lasse ich mich wegtreiben. Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen diesen Monat geteilt zu haben –  Leben Sie wohl!

 

 

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Die Lethe ist einer der Flüsse in der Unterwelt der griechischen Mythologie. Wer von dessen Wasser trinkt, vergisst alles. Das Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich deine Bilder „trinke“. Stellen Flüsse und ihre Oberflächen ideale Projektionsflächen für dich dar?

Was für eine wunderbare Vorstellung! Man trinkt vom Wasser und vergisst das bisherige Leben, um ins Neue wiedergeboren zu werden…..

Grosse Flüsse wie der Rhein stellen eine ungeheure Energie dar; sie sind ein riesiges Kraftfeld in unablässiger Bewegung und Veränderung. Schaut man auf das Wasser, ist nichts, wie es gerade noch war. Energie zeigt sich in ungeahnten Formen, Verläufen und Mustern. Das hat mich sehr inspiriert und mir auch neue Blickwinkel geöffnet.

Man wird nicht an die Hand genommen in deinem Buch. Bis auf ein wunderbar assoziatives Gedicht gibt es keinen Text in dem Buch. Vermeidest du bewusst eine intellektuelle Annäherung an die Arbeit?

In diesem Buch wollte ich keinen interpretierenden, erklärenden Text. Die Idee war ein stilles Buch, ich wollte die Bilder als Bilder belassen, den Betrachter in seiner Rezeption möglichst wenig beeinflussen.

Es ist alles andere als nüchterne Naturdokumentation oder Topographie, was du bietest. Eine Realität, die etwa Hochwasserschutz und Umweltschutz oder Uferbebauungen beinhaltet, wird thematisch vollständig außen vorgelassen. Warum ist dein Blick eher meditativ als analytisch?

Mein Blick auf den Rhein war ein wohlwollender und nicht kritisch gelenkter Blick. Und in meinen derzeitigen Projekten ist der Fokus und das Interesse mehr nach innen als nach aussen gerichtet. Speziell in dieser Arbeit hat mich der Raum hinter dem Offensichtlichen interessiert, der Raum der Stille und Tiefe. Die Bilder können als kleine Pausen, als Oasen zum Innehalten verstanden werden.

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

 

Ist das Wesen der Stille etwas, was dich fotografisch inspiriert?

Ja. Es gibt ein tiefes Sehnen nach Stille, danach, mich in Momenten und Bildern zu verlieren. Ich mag das. Diesbezüglich war der Rhein ein wundervolles Sujet. Allerdings hat er mir auch grosse Geduld abgefordert.

Warum übrigens ausgerechnet der Rhein?

Eben weil der Rhein einer der grossen Flüsse ist. Er ist besonders. Auch wenn es überwiegend ein menschgemachter, viel befahrener Kanal zu sein scheint, hat er seine mythische und tiefe Kraft für mich nicht verloren. Immer wieder gab es überraschende Momente, in denen ungeahnte Seiten sichtbar wurden, z.B. das Strömungsverhalten im Zusammenspiel mit den Seitenarmen. Oder die unglaublichen Kräfte, die das Hochwasser freisetzt und dessen Auswirkungen. Aber ich muss zugeben, die wirkliche Dimension dieses Flusses ist mir erst gegen Ende des Projektes bewusst geworden.

Der Fluss als Sujet der Schönheit, als mythischer Ort, der immer wieder von Künstlern verarbeitet wird. War das die logische Fortführung der Vorgängerarbeit WALD? 

Keine logische, aber sicherlich ist es eine Weiterführung der WALD Arbeit und meiner Landschaftsfotografie.

Wie lange warst du unterwegs? Wie lange arbeitest du an einer Serie wie dieser und  recherchierst du deine Orte vorher?

Das Projekt entstand in einen Zeitraum von drei Jahren auf diversen Reisen, die jeweils bis zu sechs Wochen dauerten. Am Anfang gab es eine kurze Recherche-Reise, um zu sehen, ob das Thema trägt. Danach waren meine Besuche neben dem Fotografieren immer auch intensive Recherchen. Es ist entscheidend, den Ort, die Energie und die Topographie zu verstehen und die Landschaft lesen zu können. Es galt auch, den ständig wechselnden Pegel des Wassers zu verstehen: Plätze und Situationen habe sich manchmal innerhalb von Stunden extrem gewandelt. Da die fotografisch spannenden Momente oft nur von kurzer Dauer sind, hat man dann keine Zeit zum Suchen oder Ausprobieren. Das Bild muss sitzen, bzw. es ist sehr hilfreich, wenn man den optimalen Standpunkt weiß. Man könnte es auch so sagen: Es ist der Tanz der Natur, den man zu lesen lernt und dem man sich im Lauf der Zeit anpasst.

 

Aus der Serie "Fluss" von Michael Lange.

Aus der Serie “Fluss” von Michael Lange.

Der Großteil der Bilder ist von einer dunklen, mysteriösen Firnis überzogen. Ist Dämmerung deine bevorzugte Jagdzeit?

Ich mag das Zwielicht, den Regen, Spätherbst. Und ja, die Dämmerung ist eine besondere, magische Zeit. In der Dunkelheit auf das kommende Tageslicht zu warten, oder in der Abenddämmerung dem schwindenden Licht zu folgen, dieses Verschmelzen von Farben, Kontrasten und Dimensionen – das erleben zu dürfen, ist für mich etwas Einzigartiges und Wundervolles.

Das Buch ist wunderbar. Es funktioniert wie ein Strom, der uns mitzieht. Wer hat es gestaltet? Stellt es in diesem Fall das ideale Medium dar, um die Arbeit zu präsentieren?

Das Buch wurde von Anke Rabba in Hamburg gestaltet.

Die ideale Präsentation neben dem Buch sind Ausstellungen mit grossformatigen Prints. Das gibt mir die Möglichkeiten, Räume in einer bestimmten Atmosphäre zu gestalten und die Bilder in einer anderen Dimension zu erfahren.

Installationsansicht aus der aktuellen Ausstellung in der Alfred Erhardt Stiftung Berlin.

Installationsansicht aus der aktuellen Ausstellung in der Alfred Erhardt Stiftung Berlin.

 

Das Buch “Fluss” ist soeben bei Hatje Cantz erschienen: ISBN 978-3-7757-3962-7. 80 Seiten mit 39 Fototaf. geb., € 35,00

siehe dazu: http://www.hatjecantz.de/michael-lange-6426-0.html

Die gleichnamige Ausstellung läuft noch bis zum 28. Juni in der Alfred-Erhardt-Stiftung Berlin

siehe dazu: http://www.alfred-ehrhardt-stiftung.de/index.php?michael-lange-fluss

Alle weiteren Infos zum Fotografen:

 http://michaellange.eu

http://www.michaellange.de