Interaktion 4: Filmklassiker vs. Fantasie

Standbild aus dem Film, fotografiert von Arthur Evans.  David Hemmings in Blow Up (Regie Michelangelo Antonioni), 1966. BFI Stills ©Neue Visionen Filmverleih GmbH/Turner Entertainment C. - A Warner Bros Entertainment Company

Foto: Arthur Evans.
David Hemmings in Blow Up (Regie Michelangelo Antonioni), 1966. BFI Stills ©Neue Visionen Filmverleih GmbH/Turner Entertainment C. – A Warner Bros Entertainment Company

 

Standbild aus dem Film, fotografiert von Arthur Evans.  David Hemmings in Blow Up (Regie Michelangelo Antonioni), 1966. BFI Stills ©Neue Visionen Filmverleih GmbH/Turner Entertainment C. - A Warner Bros Entertainment Company

Foto: Arthur Evans.
David Hemmings in Blow Up (Regie Michelangelo Antonioni), 1966. BFI Stills ©Neue Visionen Filmverleih GmbH/Turner Entertainment C. – A Warner Bros Entertainment Company

 

Twittereintrag von Daria Gorelova. Der Text zitiert den Trailer zu "Blow-Up".

Twittereintrag von Daria Gorelova. Der Text zitiert den Trailer zu “Blow-Up”.

„Sometimes reality is the strangest fantasy of all…“ – die rauchige Stimme wirbt für einen Film, der in das verrückte London von heute eintaucht, die Wirren der Liebe, das Straucheln der Sehnsucht. Die Yardbirds rocken „Stroll On“ dazu, der Trailer wirbt für „Blow-Up“, Michelangelo Antonionis „first english language film“, starring Vanessa Redgrave, David Hemmings and Sarah Miles. Das knackige Statement „At love without meaning. At murder without guilt. At the dazzle and madness of youth today. Antonioni’s camera never flinches.“, es findet sich zuhauf im Internet, wird wiedergegeben als geheime Losung. Wie das London der Sechziger war, diese sogenannten Swinging Sixties, das Schlendern über die Carnaby Street, der immer kürzer werdende Minirock, die Kellerkonzerte, das Aufbäumen gegen das Establishment – wir kennen das aus Filmen, aus Büchern, vielleicht aus Erzählungen. Wie es sich wirklich angefühlt hat, sich zu jener Zeit die Haare hochzutoupieren, bei einem Konzert der Beatles dabeizusein, in die Welt des Pop einzutauchen – keine Ahnung. Ich schaue mir den Trailer an, ein kurzer, hart geschnittener Bilderclip aus Einzelfotos, 0:58 min lang, 62.662 Aufrufe bei YouTube, ich schaue mir den Film an, 111 Minuten, ausgezeichnet 1967 in Cannes mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme, ich schaue mir die Ausstellung bei C/O Berlin an, vormals Wien, Albertina, und Fotomuseum, Winterthur, ich blättere in der Publikation, „Blow-Up. Antonionis Filmklassiker und die Fotografie“, erschienen letztes Jahr bei Hatje Cantz – die Ebenen überlappen sich, lösen sich auf.

Foto: Tazio Secchiaroli. David Hemmings in Blow Up (Regie Michelangelo Antonioni), 1966. BFI Stills ©Neue Visionen Filmverleih GmbH/Turner Entertainment C. - A Warner Bros Entertainment Company

Foto: Tazio Secchiaroli. David Hemmings in Blow Up (Regie Michelangelo Antonioni), 1966. BFI Stills ©Neue Visionen Filmverleih GmbH/Turner Entertainment C. – A Warner Bros Entertainment Company

Büchertisch bei C|O Berlin. Der Katalog zur Ausstellung ist im Mai 2014 bei Hatje Cantz erschienen: 280 Seiten, 35 Euro. Weitere Publikationen zum Thema: "Veruschka. Mein Leben" (Dumont, 2011), "Michelangelo Antonioni. Wege in die filmische Moderne" (Wilhelm Fink, 2012), "Swinging London. Kunst und Kultur in der Weltstadt" (dtv, 2012), "Michelangelo Antonioni. Chronik einer Liebe, die es nie gab: Erzählungen" (Wagenbach, 2012), "Antonioni’s Blow-Up" (Steidl, 2010).

Büchertisch bei C|O Berlin. Der Katalog zur Ausstellung ist im Mai 2014 bei Hatje Cantz erschienen: 280 Seiten, 35 Euro. Weitere Publikationen zum Thema: “Veruschka. Mein Leben” (Dumont, 2011), “Michelangelo Antonioni. Wege in die filmische Moderne” (Wilhelm Fink, 2012), “Swinging London. Kunst und Kultur in der Weltstadt” (dtv, 2012), “Michelangelo Antonioni. Chronik einer Liebe, die es nie gab: Erzählungen” (Wagenbach, 2012), “Antonioni’s Blow-Up” (Steidl, 2010).

Vor dem Amerikahaus, 31. Januar 2015. ©Nadine Barth

Vor dem Amerikahaus, 31. Januar 2015. ©Nadine Barth

Seit die Modefotografie laufen lernte, läuft sie dem Zeitgeist voraus. Ein halbes Jahr, bevor die Kollektion im Laden hängt, muss sie in Szene gesetzt werden, der Fotograf, ein Stylist im Dazwischen, nach dem Designer, vor dem Käufer, und das Magazin feiert einen kurzen Höhepunkt im Moment des Drucks. Und schon wenn die Publikation einen Tag alt ist, wird sie schleichend zu Altpapier. Sie verliert an Farbe, sie vergilbt. Frisch dagegen die Sets in „Blow-Up“, das Lila, das Pink, die Streifen der Klamotten, die blauen Augen des Protagonisten. In dem Fragebogen, den Antonioni als Vorrecherche zu seinem Film über die Persönlichkeit des Fotografen anlegte, kommt die Frage vor: „Are fashion photographers requested to stress the sexual angle or merely to concentrate on the clothes?“ Im Film hockt der Fotograf mit dem Filmnamen Thomas (gespielt von David Hemmings) über Veruschka, die sich selbst spielt, Vera Gräfin von Lehndorff, kaum zwei Sätze spricht sie im Film, nur, dass sie gleich nach Paris müsse, später, auf einer Party, dass sie in Paris sei, dabei spielt der Film in London. Das Hocken, oft konnotiert als quasi sexueller Akt, es ist eine neue Art des Fotografierens, das Statische hat sich aufgelöst, die steife Inszenierung mit exakt gesetztem Licht, die Mode ist in den 1960er Jahren zum Bewegtbild geworden, swingt mit der Musik, der Jugend, dem Gefühl. David Bailey, Vorbild für die Rolle des Fotografen im Film, geboren 1938, Autodidakt, Air Force Soldat, langjähriger Zulieferer der Vogue, Chronist der Beat-Generation, berühmt für seine Fotos der Rolling Stones oder Marianne Faithful, ich hoffe, er war nicht so ein Chauvinist wie die Filmfigur, aber vielleicht war das Rollenverständnis auch ein anderes zu der Zeit.

David Bailey photographing Moyra Swan, 1965. Foto: Terry O’Neill. Couresy Philippe Garner

David Bailey photographing Moyra Swan, 1965. Foto: Terry O’Neill. Courtesy Philippe Garner

Grace and Telma, Italienische Vogue, 1966, fotografiert von Eric Swayne. Courtesy Tom Swayne.

Grace and Telma, Italienische Vogue, 1966, fotografiert von Eric Swayne. Courtesy Tom Swayne.

Installationsansicht der Ausstellung "Blow Up" bei C|O Berlin mit Modefotografien aus den 1960ern.

Installationsansicht der Ausstellung “Blow Up” bei C|O Berlin mit Modefotografien aus den 1960ern.

Dass es im Film auch um die philosophische Frage geht, ob ein Foto Abbild der Wirklichkeit sein kann und wie sich bei der Vergrößerung, Blow-Up, die Wirklichkeit auflösen kann, in immer gröbere Pixel, bis nur noch Punkte, Muster, existieren, auf dem Papier, dem Abzug, der dann auch verschwindet, war es ein Einbruch oder gab es sie selbst nie – es spielt keine Rolle. Der Bezug zwischen der Realität der Sechziger, die es vielleicht auch nur so im Film gibt und dem Heute, das wir uns einbilden, ist spannender. Die Ausstellungsbesucher bei C/O Berlin verlieren sich in den immer wieder aufflackernden Szenen im Park, im Studio, auf der Bühne. Jeff Beck von den Yardbirds zertrümmert seine Gitarre – und imitiert damit The Who. Die Models sollen die Augen schließen, bis der Fotograf wiederkommt, wenn du die Augen schließt, siehst du was dir gehört, sagt man im Scherz und meint damit: nichts. Als er wiederkommt, sind die Models noch da, sie haben ihre Augen aber wieder geöffnet, das sagt die Assistentin, aber die Models sieht man nicht, sie sind nicht existent. Da die Ausstellung nicht nur die Modefotografie der Zeit in Bezug zum Film setzt, sondern auch dem Einfluss nachspürt, den der Film auf die Jahre und Jahrzehnte danach hat, findet sich selbst eine Landschaftsaufnahme aus dem Jahr 2006 darunter, von Alicja Kwade, es ist der Park, in dem der Fotograf den vermeintlichen Mord fotografiert und in dem er später einem imaginären Tennisspiel beiwohnt. Am Ende wirft er den Ball, den es nicht gibt, zurück ins Spiel, und das TockTock des Balls ist auf dem Boden zu hören und schließt den Kreis zum Anfang des Films, in dem das Tennisspiel real war – wenn es denn stattfand. Und wenn ich mich in dem Plakat des Films fotografiere, dem Abbild ein weiteres Abbild hinzufüge, dem Film eine weitere Fußnote, ein weiteres Glied an der endlosen Signifikantenkette – was bleibt dann vom Sein? Die Sehnsucht nach Authentizität. Als Idee.

Installationsansicht der Ausstellung "Blow-Up" bei C|O Berlin mit der Schlüsselszene im Park. ©Nadine Barth

Installationsansicht der Ausstellung “Blow-Up” bei C|O Berlin mit der Schlüsselszene im Park.
©Nadine Barth

Installationsansicht bei C|O Berlin. Auf zwei Videoscreens laufen Szenen aus dem Film "Blow-Up". ©Nadine Barth

Installationsansicht bei C|O Berlin. Auf zwei Videoscreens laufen Szenen aus dem Film “Blow-Up”.
©Nadine Barth

Installationsansicht der Ausstellung bei C|O Berlin. Eine Filmszene aus "Blow-Up" spiegelt sich in der Fotografie von Alicja Kwade mit dem Titel "Maryon Park" von 2006. ©Nadine Barth

Installationsansicht der Ausstellung bei C|O Berlin. Eine Filmszene aus “Blow-Up” spiegelt sich in der Fotografie von Alicja Kwade mit dem Titel “Maryon Park” von 2006.
©Nadine Barth

Im Spiegel des Filmplakates. ©Nadine Barth

Im Spiegel des Filmplakates. ©Nadine Barth