New York Drags / Andy Warhol

Cover "Warhol’s Queens", Hatje Cantz

 

Da stand es, das Buch, und sagte „Nimm mich!“. Die Seitenkanten gold, gold die Schrift, glänzend die Bilder auf dem Titel, Polaroid-Optik, auf einem die Schrift „Mary Morales“. Seventies / Eighties, und natürlich Andy. „Warhol’s Queens“ heißt es, von Hatje Cantz, und ich trug es nach Hause wie einen Schatz. Plötzlich waren sie wieder da, die Bilder, ich sehe mich quer über die Straße auf das „Area“ zulaufen, New York, Soho, Varick Street, die Einfahrt zum Holland Tunnel, düstere Warehouses around, und die Kordel vor der Treppe zum Heiligtum, dem coolsten Club. Jeden Monat ein anderes Motto, Interior Design Overkill, von Sport inklusive Halfpipe bis zum Dschungel-Feeling mit Netzen, und diesen Monat war das Thema „Art“, wir waren gespannt. Andy hatte es kuratiert, Andy war da, Andy hielt hof. Der Pulk der Leute lief hinter ihm her, tanzte vor ihm herum, die Kameras begleiteten das Spektakel. Die hellblonden wirren Haare. Das markante Gesicht. Er war der König der Nacht, die Attraktion sein Spiel. New York, Frühsommer 1985. Alles war möglich, jede Erscheinungsform. Wir schminkten uns bis zur Unkenntlichkeit, die Geschlechtergrenzen verwischten, die Boys trugen Röcke, die Girls malten sich Schnurrbärte, das Koks war billig. Blättert man durch das Buch, ist von dem Wahnsinn der Zeit noch einiges zu spüren: Die Polaroids der Drag Queens von 1974 sind wie die Vorbereitung auf die Royal Queens von 1981 und -82. Das ist auch die Zeit, in der Andy seine Self-Portraits (in Drag) realisierte, Studien verschiedenen Frisuren, von Bubikopf bis Mittelscheitel und spießiger Innenrolle. Von dem für ihn tpyischen Weißblond bis zu nachtschwarz. Die Lippen blutrot, der Blick intensiv. Ein Flirt mit der Kamera, mit sich, eine Spiegelung der Seele. Das Auffordernde, manchmal bis zum Irrsinn gedrehte, mit fahler, wächsener Haut und aufgesetzten Wimpern. Auch hier ein „Nimm mich“, aber auch ein „Nimm mich so, wie ich bin, wie ich sein will, wie ich sein kann.“ Es ist eine psychologische Studie, eine Innenschau des Charakters eines Künstlers namens Andy Warhol. Dass diese Serie etwa in der Mitte des Buches aufploppt, macht Sinn. Die echten Königinnen machen den Start, die Drag-Polas und Siebdrucke von Queen Beatrix aus den Niederlanden und Queen Elizabeth II (von 1985) kommen dahinter, den Schluss bilden sehr späte Selbstporträts wiederum als Polaroids, sie sind von 1986, ein Jahr vor Warhols Tod aufgenommen. Sie sind düster, vor schwarzem Hintergrund, Andy trägt einen schwarzen Rollkragenpullover und meistens eine Sonnenbrille.

Self-Portrait (in Drag), 1981 Polaroid Polacolor 2 Private collection, Pittsburgh

Self-Portrait (in Drag), 1981
Polaroid Polacolor 2
Private collection, Pittsburgh

Princess Caroline of Monaco, 1983 Courtesy of The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

Princess Caroline of Monaco, 1983
Courtesy of The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

Princess Caroline of Monaco, 1983 Acrylic and silk-screen ink on linen Collection of The Andy Warhol Museum, Pittsburgh

Princess Caroline of Monaco, 1983
Acrylic and silk-screen ink on linen
Collection of The Andy Warhol Museum, Pittsburgh

„Ladies with an attitude / Fellows that were in the mood / Don’t just stand there, let’s get to it / Strike a pose, there’s nothing to it“ – Madonnas Song „Vogue“ von 1990 greift das Posing der Drags auf, in den Clubs, in denen Deep House gespielt wurde, zelebrierte man zu der Zeit das „Vogueing“, das minutenlange Verharren in extremen Tanzposen, analog der Diven, die als Vorbilder von den Leinwänden Hollywoods bekannt sind: „Greta Garbo, and Monroe / Dietrich and DiMaggio / Marlon Brando, Jimmy Dean / On the cover of a magazine / Grace Kelly; Harlow, Jean / Picture of a beauty queen / Gene Kelly, Fred Astaire / Ginger Rodgers, dance on air“. Dazu ein Zitat des Philosoph Pierre Bourdieu, aus einem der zahlreichen Texte des Warhol-Queen-Buches: „Striking a pose means respecting oneself and demanding respect.“ Andy Warhol charakterisierte seine „Queens“ als „living testimony to the way women used to want to be, the way some people still want them to be, and the way some women still actually want to be.“ Das Posen der Drags. Diva sein, Frau in Reinkultur, überzogen, glamourös, Applaus. Tanz auf dem Vulkan. Eine Überschrift im Buch: „Queens and Divas understand each other.“

Strike a pose.

 

Grace Kelly, 1984 Screen print on Lenox Museum Board Collection of The Andy Warhol Museum

Grace Kelly, 1984
Screen print on Lenox Museum Board
Collection of The Andy Warhol Museum

Reigning Queens: Queen Elizabeth // of the United Kingdom, 1985 Screen print on Lenox Museum Board Collection of The Andy Warhol Museum, Pittsburgh

Reigning Queens: Queen Elizabeth // of the United Kingdom, 1985
Screen print on Lenox Museum Board
Collection of The Andy Warhol Museum, Pittsburgh