Archiv für den Autor: JosefineRaab StefanBecht

Über JosefineRaab StefanBecht

Josefine Raab, Kunsthistorikerin MA, studierte neben Kunstgeschichte Spanisch, Italienisch und Wirtschaft. Sie organisierte freie Ausstellungs- und Buchprojekte und arbeitete als Assistentin von Thomas M. Messer, Director emeritus des Guggenheim Museums in New York. Mehrere Jahre war sie im Vorstand des Kunstvereins in Wiesbaden und kuratierte während dieser Zeit zahlreiche Ausstellungen vorwiegend im Bereich Medienkunst und Fotografie.
2004 gründete sie zusammen mit Stefan Becht das international tätige Nachwuchsförderungs-Projekt gute aussichten – junge deutsche fotografie, das für seine inzwischen 114 Preisträger/innen rund 130 Ausstellungen auf der ganzen Welt organisiert hat. Seit 2015 arbeitet gute aussichten als anerkannt gemeinnützige Organisation. Josefine Raab obliegt die inhaltliche und künstlerische Leitung von gute aussichten.

Stefan Becht, Kommunikator und freier Journalist, achtet darauf, dass in den vielen Töpfen von gute aussichten auch nichts anbrennt. Wenn er nicht gerade leere Zeilen mit Buchstaben füllt sorgt er dafür, dass Menschen, die sich nicht kennen, miteinander sprechen und sich austauschen. Anders gesagt: Stefan Becht kümmert sich um die (möglichst reibungslose) Organisation von gute aussichten.

Das Auge zweifelt: Die Haut der Toten oder “Paisajes” der mexikanischen Fotografin Andrea Tejeda Korkowski

„When most I wink, then do mine eyes best see,
For all the day they view things unrespected;
But when I sleep, in dreams they look on thee,
And darkly bright, are bright in dark directed.”

“Am schärfsten sieht mein Blick, schließt Wimpernsaum –
was er am Tag nur sieht, entfällt dem Sinn;
Doch dann im Schlaf seh ich Dich ganz im Traum,
Blicks Dunkelhell sieht hell aufs Dunkel hin.”

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Das Auge zweifelt. Sinne geraten ins Wanken. Was wie selbstverständlich, direkt, ohne Umschweife ausgebreitet liegt, will sorgfältig durchwandert, erspürt, will gefunden und bestaunt werden: Warmes Grau bespielt gefurchte Flächen, dessen Säume unscharf ins weiche Dunkel dringen. Tiefschattige Täler, kreidige Grate. Fissuren durchzogen von feinstem Liniengeäst. Darin ein Nebeneinander, ein Kreuzen und Queren von noch feineren Linien. Auratische Präsenz gehüllt in schweigendes Erwarten. Das Auge zweifelt.

“Then thou, whose shadow shadows doth make bright,
How could thy shadow’s form form happy show
To the clear day with thy much clearer light,
When to unseeing eyes thy shade shines so!”

“Denn du, der Schatten schattet zur Gestalt,
Wie formtest schattend Anblick überfroh
Erst hellerm Tag mit größrer Lichtgewalt,
Da schon Dein Schatten blindem Aug scheint so!”

Die Sinne zaudern. Wo beginnen? Welche Richtung nehmen?
Wieder und wieder umhüllen Unschärfen die Gewissheit des Geschauten. Wattig und weich vernebeln sie den Geist. Jedoch – mit sanfter Bestimmtheit lenken sie den Blick hinein in sich mit Klarheit offenbarende Räume. Verlässt uns die Furcht, so spüren wir den Sog. Unser Sehen gleitet wie auf Adlerschwingen jetzt und nah wie fern sind wir. Es gilt, eine Landschaft zu begreifen, die einem inneren Wesen entsteigt. Gespeist aus unbekannten Lebensquellen, genährt und gewachsen an der Zeit. Was sich in großer Ruhe bewegt entfaltet, verhüllt und gibt preis. Das Auge schaut.

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“How would, I say, mine eyes be blessed made
By looking at thee in the living day,
When in dead night thy fair imperfect shade
Through heavy sleep on sightless eyes doth stay!”

“Wie geht mir, sag ich, erst mein Auge ganz
Beseligt auf, wenns Dich im Leben sieht,
Da toter Nacht Dein Schattenwiderglanz
vors blinde Aug so tritt durchs schwere Lid!”

Macht sich Gewissheit breit? Erkenntnis? Schauen wir in das Antlitz dessen, das bleibt, wenn alles vergeht? Es ist die Lebensspur, die jeder zeichnet. Der Hauch des Atems, der uns treibt. Der Puls der Liebe, der in uns wallt. Ist es Wahrheit, die wir dann schauen? Bewegte Stille im lauten Schweigen? Das sanfte Schlagen einer Schwinge, die uns verstehend streift. Wir sehen Sinnlichkeit, die sich beharrend uns verheißt. Alles geboren aus der unergründlichen Tiefe des Himmels und der maßlosen Weite der Zeit. Glänzende Herrlichkeit Arkadiens geronnen und sorgsam bewahrt in jeder Zelle unseres Seins. Umschlossen und geborgen im Geäst des Lebens, Traumgespinsten gleich.

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“All days are nights to see till I see thee,
And nights bright days when dreams do show thee me.”

“Bis ich Dich seh, sind Tage Nächte schier,
Und Nacht wird taghell: scheinst im Traum du mir.”

Das Auge weiß. Legen wir die Masken nieder. Unverhüllter Blick.
Im faltigen Dunkel versprechend das Leben ruft. In hoffender Erwartung es sich dorthin ergießt. Heben wir es auf unsere Schwingen, damit der Schatten weicht.
JOSEFINE RAAB

Andrea Tejeda Korkowski wurde 1983 in Mexiko City geboren. Andrea absolvierte ein Studium im Bereich Kommunikation und Medien an der Universität Iberoamericana, das sie durch zahlreiche nationale und internationale Workshops ergänzte. Seither arbeitete sie als Fotografin und Foto-Editorin für verschiedene Magazine in Mexiko, sowie als Koordinatorin von Foto-Workshops für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen. Ihr fotografisches Werk umkreist die Beziehung zwischen Körper, Vergänglichkeit und die Wechselfälle des Alltäglichen. Ihre Arbeiten wurden von Verlagen wie CONACULTA, Karnac Books und Paradiso editores und in zahlreichen Magazinen wie Tierra Adentro, Letras Libres, Vice, Travel+Leisure publiziert. Sie nahm an Ausstellungen in Mexiko, Chile und Spanien teil, sowie auf den Kunstmessen Zona MACO photo 2015 and FILSA 2016. Zur Zeit studiert sie in einem Master Programm Visuelle Kommunikation. Weitere Informationen & Bilder finden sich auf ihrer Website.

Alle Deutschen & Englischen Zitate aus dem Sonett Nr. 43, von William Shakespeare, Die Sonette, Englisch & Deutsch, Übersetzt von Wolfgang Kaußen, insel taschenbuch 2228, Erste Auflage 1998, Insel Verlag.