Kunstlexikon

Die Kunst der Performance

Performance

Laura Lima, Man=flesh/Woman=flesh – FLAT, 1997, performed für 12 Rooms im Museum Folkwang im Rahmen der Ruhrtriennale 2012–14, 2012; aus der Publikation 14 Rooms, Hatje Cantz Verlag, 2014

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In den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts war die Performance die Kunstgattung der Stunde, sie verhieß nichts weniger als die Begegnung mit dem nackten Leben.

»Wir wollten nicht die Abgeschiedenheit des Theaters, wo nur Eingeweihte hinkamen, wo Abstraktionen der Welt und nicht die dreckige Welt selbst gezeigt wurden. Wir wählten das Motto des Songs: Why don’t we do it in the road?« (Vito Acconci)

Sie gehört zu den freiesten und vitalsten Ausdrucksformen, welche die Kunst des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat: die Performance, eine künstlerische Darbietung, die an die Stelle von dauerhaften materiellen Produkten vergängliche Aktionen setzte. Wer erinnert sich nicht an Roman Signers poetische Papierwand auf der documenta 8 in Kassel, bei der er auf der Abschlussveranstaltung der Kunstschau Tausende Blatt Papier in die Luft sprengte und zu einer flüchtigen, nur im kurzen Moment der Aktion bestehenden Skulptur formte?
Der englische Begriff Performance steht für Vorführung, Auftritt und legt damit eine Verwandtschaft mit dem Theater nahe. An die Stelle von schriftlich fixierten Dialogen und einem fingierten Raum wie bei Theateraufführungen treten bei Performances jedoch offene künstlerische Handlungen, die im realen Raum in Realzeit vor Publikum stattfinden. Zwischen Akteur und Betrachtern liegt bei den Aktionen – in der Regel – eine räumliche Trennung vor; dies grenzt Performances von Happenings ab, bei denen das Publikum durchaus Teil der künstlerischen Prozesse wird. Die Performancekünstler setzten so dem Primat des Ökonomischen, das ihrer Ansicht nach den Kunstgenuss bestimmte und die Kunst zur Ware degradierte, archaisierende Ausdruckskonzepte entgegen und verbanden diese immer wieder auch mit gesellschaftlichen Anliegen.

Die Anfänge der Performance als konzeptuell eigenständige Kunstform liegen in den späten 1960er- und den frühen 1970er-Jahren in den USA. Doch bereits bei den großen Avantgardebewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich eine »Performatisierungstendenz« beobachten: Futuristen, Dadaisten und Surrealisten hatten Aktionen als wirkungsvolles Darstellungsmittel entdeckt, statt Kunstwerk und Schöpfersubjekt rückte der kreative Prozess selbst in den Mittelpunkt. Auch Happening, Fluxus und Wiener Aktionismus entwickelten in den 1950er- und 1960er-Jahren mitunter provokative Aktionen, die ihren Protest und ihre Ablehnung gegenüber musealen Kunstobjekten und deren Verwertung im Kunstbetrieb formulierten. Großer Einfluss auf die Entwicklung der späteren Kunstdisziplin Performance wird allen voran John Cage, Yves Klein oder Piero Manzoni zugeschrieben. Als direkte Vorläufer gelten etwa Joseph Beuys, der als »Schamane der Neuzeit« das Publikum auf besondere Weise in seinen Bann zog, die sogenannten Art Performances von Vito Acconci oder Bruce Nauman sowie Vertreter der Body Art, die ihren Körper als künstlerisches Material einsetzten.

In Europa erlebte die eigentliche Performance Mitte der 1970er-Jahre ihren Höhepunkt, die von Manfred Schneckenburger im Jahr 1977 ausgerichtete documenta 6 beispielsweise räumte der Kunst der Performance breiten Raum ein. Ein europäisches Zentrum war neben anderen das Stichting de Appel, ein altes Lagerhaus in Amsterdam, das sich unter seiner Leiterin Wies Small ab 1975 zu einer führenden Plattform zur Erprobung der noch jungen Kunstdisziplin entwickelte.
Die Aktionen überschritten die Grenzen zu anderen Gattungen, nicht nur Elemente aus dem Theater flossen ein, auch Tanz, Bewegung, Musik, Klänge und Geräusche, Literatur, Foto, Film und Video wurden einbezogen. Ihr Medium waren nicht Leinwand und Farbe, sondern der Körper des Performers: Valie Export etwa schnallte sich bereits 1968 für ihr provokantes Tapp- und Tastkino einen mit zwei Öffnungen versehenen Styroporkasten über ihre nackten Brüste und animierte Passanten am Münchener Stachus, ihre Hände in diesen »Kinosaal« zu führen. Chris Burden ließ sich 1971 in einer Galerie im kalifornischen Santa Ana für seine Performance Shoot von einem befreundeten Schützen in den Arm schießen. Auch Marina Abramović hat ihren Körper immer wieder zum Ausgangspunkt unerbittlicher künstlerischer Selbstbefragung gemacht, für dieberüchtigte Arbeit Rhythm 0 stellte sie sich 1974 in einer Galerie in Neapel mitsamt Geräten wie Schere, Messer und Pistolen für mehrere Stunden willenlos dem Publikum zur Verfügung, wobei es zu zahlreichen Übergriffen und letztlich zu Verletzungen der Künstlerin kam. Timm Ulrichs wälzte sich 1978 in seiner Performance Skylla und Charybdis im Kursaal von Abano Terme mit ausgestreckten Armen zwischen zwei offenen elektrischen Drähten – ein Grenzgang zwischen Leben und Tod.

Nie zuvor hat die Kunst das Publikum mit solcher Unmittelbarkeit angesprochen. Nie zuvor lagen Kunst und Leben so eng beieinander, die Performance rückte jenseits der traditionellen Kunstorte bis in die privatesten Räume vor.
Als ephemere, immaterielle Kunstform stellte die Performance Galeristen und Museen dabei vor eine große Herausforderung, da Fotodokumente, Filmaufzeichnungen oder mündliche Überlieferung die sinnliche Erfahrung einer künstlerischen Darbietung allenfalls andeuten können. Reenactments sind daher ein alternativer Weg, historische Performances durch Wiederaufführungen lebendig werden zu lassen. Für das Projekt Seven Easy Pieces im Solomon R. Guggenheim Museum beispielsweise wählte Marina Abramović 2005 sieben wegweisende Performances von Künstlern aus den 1960er- und 1970er-Jahren aus und wiederholte sie in jeweils mehrstündigen Aufführungen vor Publikum. Angesichts der Problematik ihrer Dokumentation und unter kaufmännischen Gesichtspunkten war die Performance auf dem Kunstmarkt gegenüber klassischer Malerei zunächst wenig beliebt, heute jedoch buhlen Museen überall auf der Welt um die performativen Künste, die mit ihrer Spontaneität und Wucht die Betrachter begeistern – und in deren Köpfen am Ende ihr perfektes Speichermedium finden.

03.09.2014 Stefanie Gommel

 

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