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Kurzbiografie
William Kentridge (*1955 in Johannesburg, Südafrika) schloss 1976 ein Studium der Politik und Afrikanistik an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg ab. 1976–1978 studierte er Druckgrafik an der Johannesburg Art Foundation. 1981/82 nahm er an der École internationale de théâtre Jacques Lecog in Paris Pantomime- und Schauspielunterricht. Seit den 1980er-Jahren wurde sein Werk in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, Fünf Themen etwa war 2010 am MoMA, New York, dem Jeu de Paume, Paris, und an der Albertina, Wien, zu sehen. Kentridge war Teilnehmer der documenta X (1997) sowie der Documenta11 (2002) und ist auch auf der dOCUMENTA (13) (2012) vertreten. Er wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, darunter 2003 mit dem Kaiserring der Stadt Goslar, 2010 mit dem Kyoto-Preis für Kunst und Philosophie. Der Künstler lebt und arbeitet in Johannesburg.
Geschichte und Erinnerung
»Ich bin an politischer Kunst interessiert, das heißt, an einer Kunst der Mehrdeutigkeit, des Widerspruchs, der unvollendeten Gesten und des ungewissen Ausgangs.« (William Kentridge)
»… hier geht es nicht nur um politische Schuld, sondern auch um die persönliche Verantwortung für Handlungen, die man begangen oder unterlassen hat –, in denen man gleichsam wie auf einer Oberfläche durch die Welt geht. Und manchmal bekommt die Oberfläche Risse, in die wir hineinfallen, oder es ragen Spitzen heraus, die uns aufrütteln und an etwas erinnern.« (William Kentridge)
Das Werk des südafrikanischen Künstlers William Kentridge ist von einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung bestimmt. Seine Arbeiten – insbesondere Zeichnungen, Animationsfilme und multimediale Bühnenstücke – umkreisen vor allem Fragen zur Historie und sozialen Realität (Süd-)Afrikas, zur Apartheids- und Post-Apartheids-Ära, zu Kolonialismus und historischen Traumata. Doch reichen die Antworten Kentridges über sein Heimatland und dessen politische Wirren hinaus und enthalten eine universelle Botschaft – sie hinterfragen vereinfachende Konstruktionen von Geschichte, Vorstellungen von Täterschaft und Mittäterschaft, Schuld und den Prozess der Trauer. Dabei enthält sich Kentridge einer »politischen Deutung« und eines »moralisch-emotionalen Urteils«, vielmehr bietet er »einen Weg, jeden zur eigenen Auseinandersetzung mit der Erbschaft der Apartheid aufzufordern – und mit Fragen, die über aktuelle oder geografische Bezüge weit hinausgehen: mit der Frage von Verantwortung« (F.A.Z.).
William Kentridge, in Johannesburg geboren und – nach eigener Aussage – seiner Heimatstadt »nie entkommen«, beschäftigte sich früh mit der wechselvollen Geschichte seines Landes und des Kontinents, etwa mit der Verschleppung von Millionen von Afrikanern als Sklaven nach Amerika oder mit den Eroberungen afrikanischer Länder durch europäische Großmächte. Sein Vater war einer der gefragten Rechtsanwälte im Widerstand gegen die Apartheid, Rassentrennung und ihre Folgen waren in Kentridges Kindheit allgegenwärtig.
»Es gab einen fundamentalen Wandel in diesem Land. Dennoch wirkt es manchmal so, als habe sich nichts geändert. Das neue Südafrika ist wie eine Übermalung des alten Südafrika«, äußerte William Kentridge einmal. Seine Animationsfilme, die seit den 1980er-Jahren entstanden, zeugen von dieser »Allgegenwart der Vergangenheit« (DIE ZEIT) und machen auf faszinierende Weise dabei auch den Prozess ihrer Entstehung sichtbar: Der Künstler schafft mit grober schwarzer Zeichenkohle ein Bild, fügt teilweise »einzelne Farbtupfer« (William Kentridge) hinzu und filmt es. Das Urbild wird anschließend ausradiert, überzeichnet, erneut gefilmt – dabei bleiben die Spuren der Veränderungen sichtbar, die die unauslöschliche Präsenz der Geschichte verdeutlichen. »Steinzeitliches Filmemachen« nennt Kentridge selbst die Technik seiner Filme, die er ohne Drehbuch oder Storyboard entwickelt. Zu den bekanntesten Werken, die Kentridge als Chronisten der Gräuel der Apartheid international bekannt machten, zählen die zwischen 1989 und 2003 entstandenen Animationsfilme 9 Zeichnungen für die Projektion. In ihnen spielen zwei fiktive weiße Figuren die Hauptrolle: »Soho Eckstein, der Mann im Geschäftsanzug, dem halb Johannesburg gehört, und Felix Teitlebaum, eine Art Nemesis, immer nackt gezeichnet, eher eine nachdenkliche als eine aktive Figur« (William Kentridge).
Mit großer Erfindungskraft erweiterte Kentridge über die Jahre das Spektrum seiner Medien, Techniken und Themen: In Zusammenarbeit mit Theatertruppen, insbesondere mit der Handspring Puppet Company aus Johannesburg, verschmilzt der Künstler seine Filme mit Puppen, mechanischen Objekten und Live-Performance zu vielschichtigen Multimedia-Installationen. Es entstehen Werke, die Klassiker der europäischen Literatur, Oper und Musik adaptieren: Mozarts Oper Die Zauberflöte beispielsweise wurde – im Vorlauf zur Inszenierung, für die Kentridge 2005 am Brüsseler Opernhaus La Monnaie als Regisseur und Bühnenbildner engagiert war – zum Ausgangspunkte einer ganzen Reihe von Projekten. In dem Film Ubu sagt die Wahrheit von 1997, basierend auf Alfred Jarrys Drama Ubu Roi, stellt der Künstler den Antihelden Ubu als dunklen Schatten dar – eine Technik, die Kentridge ebenso wie die Arbeit mit zerrissenem schwarzem Tonpapier oder zerrissenen (und schließlich neu collagierten) Bildern fortan weiterentwickelte. Stereoskop, 1999 entstanden, markiert den Beginn von Kentridges Interesse für das räumliche Sehen, er verwendet dabei die Splitscreentechnik, um ein stereoskopisches Sehen zu imitieren. In Was kommen wird (ist schon gewesen) von 2007 greift Kentridge mit der filmischen Anamorphose auf die im 16. Jahrhundert entstandene Idee des Vexierbilds zurück – die Umformung von Bildern mit Hilfe eines metallischen Zylinderspiegels.
Vorläufiger Höhepunkt seines Schaffens ist Die Ablehnung der Zeit, ein mit dem Wissenschaftshistoriker, Physiker, Autor und Filmemacher Peter L. Galison entwickeltes, multimediales Projekt für die dOCUMENTA (13) in Kassel über die Veränderung von Zeitkonzepten: »eine der beeindruckendsten Erfahrungen der d13« (art).
Foto:
Zeichnung für den Film Medizinschränkchen (Selbstporträt), 2000/01
San Francisco Museum of Modern Art, Schenkung Mary und Harold Zlot
John Hodgkiss
26.06.2012
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Ein Beitrag von Stefanie Gommel
Weiterführende Informationen
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